Kunst Kritik

Wohin das Auge auch blickt, überall Kurven

Lexikon | NS | aus FALTER 20/15 vom 13.05.2015

Lange hatte sie einen wiederkehrenden Albtraum, lässt die Künstlerin Tracey Emin am Beginn ihrer Schau im Leopold Museum wissen. Sie träumte, dass sie in der alten Achterbahn ihrer Heimatstadt steckenblieb und nur über einen turmhohen Penis hinunterklettern konnte. Als erstes Werk steht ein aus alten Holz- und Metallteilen gezimmertes Modell einer Hochschaubahn in der Schau. Der gefürchtete Penis fehlt, dafür hat die Künstlerin Egon Schieles düsteres Gemälde "Berg am Fluss" neben ihre Skulptur gehängt. Die Schattenseiten des Begehrens sind das zentrale Thema dieser Ausstellung.

Seit die Britin das Scheinwerferlicht betreten hat, war ihre Biografie stets ein zentrales Thema, sei das nun ihre Herkunft aus der Arbeiterschicht, ihre Vergewaltigung oder ihr späteres ausschweifendes Sexleben. In Wien präsentiert sie fast ausschließlich gesichtslose Akte und es fällt schwer, diese nicht als Selbstporträts zu lesen. So eine Spiegelperspektive kennzeichnet streckenweise auch Schieles Werk und insofern geht der Plan des "künstlerischen Dialogs" auf.

Nachdem Emin in Interviews häufig von ihrem Date Rape als 13-Jährige erzählt, bringt eine Kombination zum Grübeln: Da hängt Schieles Aquarell eines kleinen Mädchens, das für den Künstler verlegen ihr Geschlecht entblößt, neben Emins großformatigen Stickereien von Sexszenen mit dem Titel "Wie du es sahst". Ob kritisch gemeint oder nicht, zumindest irritiert diese Kombination. Emin kann wesentlich besser zeichnen als malen. Gelungen ist ihre Serie "Einsamer Sessel": Wer darin nicht nur den Existenzialismus wahrnimmt, den die gesamte Ausstellung predigt, entdeckt in diesen Darstellungen einer am Stuhl lümmelnden Nackten durchaus auch Humor.

Leopold Museum, bis 14.9.


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