Sachbuch der Stunde

Warum wir keinen Weltuntergang wollen können

Feuilleton | Sebastian Kiefer | aus FALTER 20/15 vom 13.05.2015

Angenommen, Sie wüssten sicher, dass kurz nach ihrem eigenen Tod infolge eines Meteoreinschlages alles menschliche Leben zerstört würde. Welche Auswirkung hätte das auf Ihre Einstellung zum jetzigen Leben oder dem eigenen Tod? Zunächst dürfte man denken: Es wäre zwar traurig für die Menschheit, doch das eigene Leben dürfen wir zum Glück leben. Das ist grundfalsch, sagt der amerikanische Philosoph Scheffler. Und die Art, wie er das begründet, ist so klar, scharfsinnig und perspektivenreich, dass das kleine Gedankenspiel das Zeug dazu haben dürfte, in die Reihe der klassischen Gedankenspiele moderner Philosophen aufgenommen zu werden.

Viele Projekte und Praktiken, in die wir involviert sind und die unserem Leben Sinn schenken, würden wertlos, wenn wir im Wissen um jenen Untergang der Gattung nach unserem eigenen Tod agierten: der Aufbau einer gerechteren Welt, eines kulturellen Gedächtnisses, die Bekämpfung der Armut, die Kindererziehung, die Erforschung der Materie und von Krebs, Demenz, Schizophrenie etc. Existenzielle Werte haben meist etwas damit zu tun, mehr zu wollen als unseren kurzfristigen Nutzen zu maximieren; sie wollen Dauer und sind auf Kollektive bezogen.

Die Wertorientierung ist dabei eine der mittleren, auf die Zukunft gerichteten Distanz. Dass das Universum in Jahrmilliarden verschwinden wird, tangiert unser Leben nicht. Der Grund dürfte sein, dass Vertrauen die Basis unserer Sinnbindung in der Welt ist und Vertrauen nur in überschaubaren Räumen möglich ist.

Natürlich ist Schefflers Argument nur für Menschen triftig, die nicht an ein Weiterleben nach dem Tode glauben. Würde das Wissen um das nahe Ende der Menschheit real, zerstörte es vermutlich nicht einfach das Sinngefühl der jetzt lebenden Menschen, sondern es würden neue Wertorientierungen entstehen. Die Menschheit würde vermutlich nicht nur von Gier, sondern auch von Stürmen religiöser Fantasien ergriffen. Allesamt gute Gründe, weiter gegen die Zerstörung des Planeten einzutreten.


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