Kunst Kritik

Befreiung: Von der Muse zur Augenzeugin

Lexikon | NS | aus FALTER 20/15 vom 13.05.2015

Keinen Geringeren als Man Ray hatte sich die Amerikanerin Lee Miller als Lehrer auserkoren, als sie im Jahr 1929 von New York nach Paris ging. Eine tolle Werkschau in der Albertina macht nun deutlich, wie sehr der Surrealismus die US-Fotografin prägte. Für ihren Landsmann und Geliebten Man Ray stand Miller nicht nur Modell, sie entwickelte mit ihm auch ihren subversiven Blick. Kurator Walter Moser weist Millers Beitrag als Autorin anhand einer Fotografie nach, für die sie Man Ray mit zurückgeworfenen Kopf ablichtete: Während das ursprüngliche, ihm zugeschriebene Foto "Neck" noch bis zu Schultern und Brust reicht, verengte Miller den Bildausschnitt auf die kühne Linie des Halses. Auch die Aufnahme "Schwebender Kopf", die Miller später gelang, zeigt diese traumgleiche Qualität.

"Believe It" titelt ein Artikel 1945 in der Vogue, der von Millers Fotografie eines Leichenhaufens im befreiten KZ Buchenwald illustriert wird. Für die US-Army reiste sie nach Dachau und hielt auch Täter wie einen im Wasser treibenden SS-Mann fest. Nach den schockierenden KZ-Aufnahmen gelangte sie in die Münchner Wohnung des Führers, wo das Foto "Lee Miller in Hitlers Badewanne" entstand. Die Schau zeigt nun, dass Miller auch ihren jüdischen Partner David E. Sherman beim Baden festhielt.

Von München kam die Fotografin nach Salzburg, wo sie den grotesk mit Tarnnetzen verhängten Park in Kleßheim verewigte, und später nach Wien. Dort wurde die in den letzten Kriegstagen von einer Bombe getroffene Albertina zu ihrem Fotomotiv. Miller besuchte die Kapuzinergruft ebenso wie ein Spital mit ausgemergelten Kindern. Ihr Damenbild vor einer Ruine lässt an die Modefotografie denken - nur eine weitere der vielen Klaviaturen, auf denen Miller zu spielen verstand.

Albertina, bis 16.8.


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