Selbstversuch

Jaja, wir depperten Bobos wieder einmal

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 20/15 vom 13.05.2015

Während die Restnation im Song-Contest-Fieber transpiriert, betreibt man selbst ein bisschen Käferkunde. Was sind das für winzige knallrote Viecher in meiner Gartenerde? Wer ist für die Löcher in meinem Rucola zur Verantwortung zu ziehen? Wieso gibt es keine Insekten, die Schnecken fressen?

Plus, ich entdecke einen Maikäfer an der Hauswand. Ich habe seit Jahrzehnten keine Maikäfer gesehen, und ich habe sie nicht vermisst. Der Maikäfer macht mir ungute Vibes. Ich mag Maikäfer nicht.

Als Kind habe ich mich vor Maikäfern regelrecht gefürchtet. Sie kamen in Schwärmen, flogen einem in die Haare und krallten sich dort fest. Und an Pullovern. Und an T-Shirts. Und unter T-Shirts. Ich mag Maikäfer nicht besonders.

Das tue ich in einem, wie ich glaube, informell, freundlich und gänzlich unanklägerisch formulierten Post auf Facebook kund. Es geschieht, was immer geschieht, eine Gruppe versteht die Unliebe zu diesem kralligen, flirrigen Fluginsekt, die andere formiert sich zum Team Maikäfer.

Es werden andere Insekten ins Spiel gebracht, gefährliche und gefräßige, die in der Lage sind, ganze Bäume zu vertilgen oder durch unterirdisches Wühlen und Fressen Gemüsekulturen hektarweise zu vernichten. Schädlinge halt, wie wir Unwürdigen sie nennen.

Das bringt einen tieraffinen alten Freund auf den Plan und auf die Palme, der sich, obwohl wir via Facebook seit Jahren verbunden sind, stets still im Hintergrund hielt, kein Kommentieren, kein Liken, ich glaubte mich auf "verborgen" gestellt.

Aber siehe da, plötzlich ein Kommentar. Ob das hier ein Insektenhassforum für Leute sei, "die gerne mal in der ,Natur' wohnen wollen"?"Natur" in Anführungszeichen. Das verstehe ich korrekt als gepfefferte Beleidigung, ganz in der schönen Tradition des momentan gerade wieder verrückt populären Bobo-Bashings. Im inkriminierten Fall geht es natürlich darum, den Naturbegriff von verweichlichten Stadtpfeifen wie uns zu relativieren, die wir in unseren Kistln auf waschbetonierten Balkonen und in Hofer-Plastik-Hochbeeten auf rasiertem Reihenhausrasen Salat aus dem Ja!-Natürlich-Packerl vom Billa züchten und uns darob für Gärtner, Bauern und Landmenschen halten. Und für qualifiziert, diese Natur in Gut und Böse aufzuteilen, in nützlich und schädlich. Jaja, ich habe schon verstanden, wir depperten Bobos wieder. Aber bitte gern. Trotzdem ist das Leben mit ein bissl Natur einfach besser, in Anführungszeichen oder nicht, ganz egal.

Und jetzt zu etwas völlig anderem. Letzte Woche habe ich mich hier an Marc Robert Richter erinnert, der letztes Wochenende gestorben ist und der vor 15 Jahren in den Anfangswochen dieser Kolumne als Dr. Robert zum fixen Cast gehörte. Seine Lebensgefährtin hat das gelesen, und sie wünscht sich, dass die Welt auch wisse, was für ein toller Partner und großartiger Vater seines erst drei Monate alten Sohnes Noah Jacques er war. Hiermit weiß sie es.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige