Mediaforschung Verführungskolumne

Das Gesicht zur Zeit: Die schöne Conchita kann für alles werben

Medien | Benedikt Narodoslawsky | aus FALTER 20/15 vom 13.05.2015

Am 10. Mai 2014 trat Conchita Wurst in Kopenhagen auf die Bühne, sang "Rise Like a Phoenix", gewann den Eurovison Song Contest, veränderte ein Land und wurde zum Werbephänomen. Vor dem ESC in Wien ist nun kaum ein Gesicht so präsent wie jenes der schönen Sängerin mit Bart. Wer hätte sich das vor einem Jahr gedacht?

Vor ihrem Erfolg war Conchita Wurst bloß ein Nischen-Testimonial, mit dem sich die Grünen als Toleranzpartei schmückten. Heute ist das geschminkte Bartgesicht im Mainstream angekommen. Conchita ist - samt ihren Themen Toleranz, Vielfalt, Homosexualität und Transgender - als Werbefigur für beinahe alles tauglich geworden. Seit vergangenem Herbst wirbt sie für die Bank Austria, derzeit rührt sie die Song-Contest-Werbetrommel und schmückt überdies das aktuelle Life-Ball-Plakat. Zur Erinnerung: Im Vorjahr erhitzte das Life-Ball-Sujet eines nackten Transgender-Models die Gemüter der Reaktionären dermaßen, dass einige von ihnen mit Pinsel und Farbe loszogen, um den Schniedel zu übertünchen. Transgender regte auf. Heuer lacht Conchita als "Goldene Adele" von den Plakatwänden. Dass die geschlechtliche Eindeutigkeit eines der bedeutendsten Wiener Kunstwerke unterwandert wird, stört heute niemanden mehr.

Der Erfolg der Wurst, den die Österreicher für sich verbuchen, fachte den Nationalstolz an. Sie wurde eine Ikone. Wer heute mit ihr wirbt, provoziert nicht und riskiert nichts mehr. Conchita ist ein gefahrloses Bekenntnis zur Toleranz.


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