Europa, wie es singt und tanzt

Der 60. Eurovision Song Contest hat die Stadt dieser Tage fest im Griff. Was läuft wann wo?

ÜBERBLICK: LISA KISS | aus FALTER 21/15 vom 20.05.2015


Foto: Respective Broadcasters

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Dank Conchitas letztjährigem Sieg bei der lustigen Trällersause ist Wien diese Woche der Nabel der europäischen Unterhaltungsindustrie. Millionen werden das Wettsingen beim 60. Eurovision Song Contest vor den Bildschirmen verfolgen, während Fans in Wien den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ganz nahe kommen können – bei Public Viewings, Clubkonzerten und den Shows in der Stadthalle. Die ganze Stadt ist auf Song Contest eingestellt, sogar aus Kanaldeckeln schallen „Merci Chérie“ und „Rise Like a Phoenix“.

Vergangenen Sonntag fand auf dem Rathausplatz die große Eröffnungsfeier statt. Moderator Andi Knoll versuchte sich in Englisch, seine Co-Moderatorin Katie Bellowitsch versuchte, witzig zu sein. Beides ging ein bisschen in die Hose, aber wie sagen wir seit einem Jahr: Wurscht!

Trotz langer Wanderungen um das sogenannte Eurovision Village gelang es vielen ESC-Schaulustigen nicht, die Absperrungen zu überwinden. Die Eingänge waren bereits lange vor Beginn wegen Überfüllung gesperrt, die Ordnungskräfte schickten die Besucher aus aller Welt durch den Rathauspark zu anderen, angeblich offenen Zugängen. Zumeist ein vergebliches Unterfangen, ab 17 Uhr ging gar nichts mehr. So blieb vielen nur der Zaungastplatz, als die Teilnehmerinnen und Teilnehmer über den roten Teppich defilierten.

Doch es war ja nicht die letzte Chance. Der Rathausplatz bietet die ganzen ESC-Woche hindurch täglich ab 12 Uhr viel Musik von und mit ehemaligen Song-Contest-Teilnehmern, Familienprogramme und die Übertragungen der Live-Shows. Am Donnerstag (21.5.) etwa stellen sich die österreichischen Kandidaten The Makemakes dem Publikum und präsentieren neben dem Wettbewerbsbeitrag „I Am Yours“ auch Lieder ihres neuen Albums.

Am Freitag dreht sich alles um Conchita Wurst, unter anderem mit einem Lookalike-Contest. Danach tanzt die israelische Gruppe Euroflash Choreografien bekannter Song-Contest-Beiträge nach. Zum Finale am Samstag zeigt Monika Ballwein, Vocalcoach von Conchita Wurst, was sie selbst so drauf hat, und singt Lieder von ESC-Teilnehmerinnen vergangener Jahre. Das österreichische Votingergebnis zum Finale kommt ebenfalls vom Rathausplatz, verlautbart von der Radio- und Fernsehmoderatorin Katie Bellowitsch.

Die Pratersauna bildet das coolen Gegenstück zum Eurovision Village, hier gastiert die ganze Woche über der Radiosender FM4 mit seinen DJs und Moderatoren. Ombudsmann Herr Hermes kommentiert das erste Semifinale, beim Finale kümmert sich mit der Rapperin Yasmo und den Spaßmachern Clemens Haipl und Herbert Knötzl gleich ein Trio um die Wortspenden. In der Votingpause von Semifinale 2 covert die Musikarbeiterinnenkapelle Ostblock-Beiträge; am Finaltag verkürzt Tony Wegas die Unterbrechung der Punktevergabe. Davor, dazwischen und danach liefern DJs wie Patrick Pulsinger, Peter Kruder, Phekt oder Joyce Muniz musikalische Alternativen zum Song Contest.

Die bekannteste Diskothek Wiens ist auch ganz Song Contest. Ausgewählte Bands und Künstler des ESC 2015 jammen spontan auf der Bühne des U4 – heißt es zumindest auf der Homepage des Clubs. Auch die Camera steigt in der Song-Contest-Woche von Discohits auf Schlagerstadl um.

Einen ganz anderen Zugang zum Gesangswettbewerb findet sich im Programm der VHS Urania. Dort präsentieren sich alle Teilnehmerländer in Vorträgen, Filmvorstellungen und Präsentationen abseits der musikalischen Beiträge, dazu kommen Sprachkurse unter dem Motto „Sprechen Sie Song Contest?“.

Im Museumsquartier wird der Song Contest auf künstlerische Weise gewürdigt. 40 Stück der beliebten Sommersitzmöbel im Hof wurden von 40 Künstlerinnen und Künstlern gestaltet, darunter Kamen Stoyanov, Constanze Schweiger und Bernadette Huber. Ihnen wurde per Los jeweils ein ESC-Teilnehmerland zugeteilt; das Österreich-Hofmöbel verschönerte die in Wien lebende Schweizer Künstlerin Nives Widauer. Am 27. Mai werden die Kunstwerke zugunsten von „Nachbar in Not“ versteigert.

Ausstellung zum Song Contest gibt es natürlich auch. Der Witzezeichner und ESC-Auskenner Tex Rubinowitz etwa widmet den Verlierern vergangener Jahre die wunderbare Porträtreihe „The Nul-Pointers“ im Leopold Museum (bis 8.6.). Die Sonderschau „60 Jahre Song Contest – Austria 1717 Points“ im Haus der Musik zeigt kuriose und unterhaltsame Einblicke in die Welt der österreichischen Song-Contest-Beiträge, unter anderem ist dort der unsägliche lila Anzug von Thomas Forstner ausgestellt. Interessant auch die „Rise Like a Phoenix“-Führung im Kunsthistorischen Museum (22.5., 16.30), die den Wurst-Hit mit dem Elfenbein-Phönix in der Kunstkammer in Beziehung setzt.

Wer dem Song Contest entfliehen will, verlässt die Stadt – oder schlendert am Donaukanal entlang. Die meisten Lokale dort, wie Flex, Adria Wien, Badeschiff und Standbar Herrmann, verweigern sich dem Spektakel, lediglich bei der Summer Stage flimmern zumindest die drei Finalshows über die Leinwand.


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