Selbstversuch

Was reißt die so ihr Maul auf?

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 21/15 vom 20.05.2015

Es stellte sich heraus, dass der tieraffine alte Freund, der letzte Woche unversehens aus meinem Facebook geploppt ist, mir die Verwendung des Begriffs "Scheißdickmaulrüssler", der mir einst "das Zitronengras weggefressen" habe, nie nachgesehen hat. Ich habe recherchiert: Das war circa 2001, als der Dickmaulrüssler mir meine damalige Dachterrasse praktisch restlos weggemampft hat, und als er damit fertig war, kam er ins Wohnzimmer und kroch die Wände hoch. Das kontaminierte meine Wortwahl ein wenig, was wiederum den tieraffinen Freund damals offenbar schmerzte. Launige Maikäferkritik reaktivierte diesen Schmerz nun offenbar instantan. Elefantengedächtnis, diese Insektenschützer.

Aber trotzdem noch einmal zur "Natur", im Balkonkistl oder anderswo. Wie sich der Wein aus trockenen, tot wirkenden, grauen Ästen drückt, in diesem unfassbaren knalligen Grün und einfach ganz von selbst zu dichtem Blattwerk wird: Das kann und werd ich nie fassen. Jedes Jahr aufs Neue nicht. So eine unglaubliche Unvorstellbarkeit. Man lebt, und solche Dinge passieren einfach nebenbei. Als sei das nichts. Als sei das normal. Wie lässt sich das fassen?

Aber nicht nur junges Blattwerk erfreute mich diese Woche, auch junge Frauen. Miley Cyrus lockt mich in ihr Team, erst das nette Instagram mit den Joan-Jett-Pasties und dem Achselwäldchen, jetzt das "Look what they've done"-Video mit Melanie. Sehr schön. Mit Respekt vor den Alten kann man mich ja leicht herumkriegen. Allerdings auch mit Disrespekt. Vea Kaiser wurde in den Social Media durch den Dreck gezogen, weil sie in einem sehr netten Interview mit The Gap respektlos über Peter Handke und Raoul Schrott gesprochen hatte. Huhuhu. Das geht natürlich nicht. Was glaubt das Dirndl, wer sie ist? (Eine 26-jährige Bestsellerautorin, hochgelobt von der Literaturkritik.) Was erlaubt die sich, so das Maul aufzureißen?(Will es ihr wer verbieten?)

Wenn ich Vea Kaiser z.B. bei "Willkommen Österreich" sehe, denke ich mir: Mein Gott, Mädchen, zieh dir was an! Und dann: Nein, doch nicht!! Denn Vea Kaiser kann, wann und wo immer sie will, anziehen oder nicht anziehen, was sie will. Und denken. Und sagen. Und zwar weil wir eben in keinem wie immer gearteten Gottesstaat leben, wo man jungen Frauen vorschreibt, was sie denken und sagen, wie sie sich anziehen, ob sie Auto fahren und über wen sie sich nicht lustig machen dürfen. Vea Kaiser soll in Unterwäsche auftreten und unanständige Dinge gegen Handke und wen auch immer sagen. Sie soll sich ruhig auch irren, das ist das Privileg der Jugend.

Ständig wird beklagt, die heutigen jungen Leut seien so angepasst und trauten sich überhaupt nichts mehr, aber wenn sie sich dann trauen, ist es auch nicht recht. Besonders nicht, wenn es sich um gut aussehende, selbstbewusste erfolgreiche, junge Frauen handelt.

Aber genau die sind es, die die Welt verändern. Wenn man sie lässt: Play it fucking loud, Vea Kaiser. Und du auch, Miley.

Doris Knecht fasst es wieder einmal nicht


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