Tiere

Ja. Natürlich!

Kolumnen | aus FALTER 22/15 vom 27.05.2015


Menschen haben sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, was der Begriff „Natur“ bezeichnet. In Industrienationen versteht man darunter alles, was auch ohne uns Menschen existieren würde. Unklar bleibt dabei, ob bei dieser Definition Menschen selbst noch Teil der Natur sind oder nicht. Durch Kultur (das Gegensatzwort) erhebt man sich zwar über das restliche DNA-Proletariat, aber sehnt sich gleichzeitig wieder nach einem Leben in der Natur. Dazu kauft man sich dann ein Häuschen „im Grünen“, züchtet alte Tomatensorten, pflanzt einen Baum (nein, besser nur einen Busch, wegen dem ganzen Laubfall im Herbst) und stellt sich die essenziellen Fragen des Lebens. Als da wären: „Was sind das für winzige knallrote Viecher in meiner Gartenerde? Wer ist für die Löcher in meinem Rucola verantwortlich? Wieso gibt es keine Insekten, die Schnecken fressen?“ Frau K., eine liebe und kaum gealterte Freundin, ist im Westen Österreichs aufgewachsen. In dieser rauen und gebirgigen Umwelt ziehen noch halbsesshafte Hirten im saisonalen Wechsel durch die Weidegebiete, Bauern müssen mit Mistgabeln und Dreschflegeln ihre karge Ernte gegen Wildschweine, Vögel und Heuschrecken verteidigen und sind dem Zorn erratischer Wettergötter ausgesetzt. Verständlich, wenn die dortigen Siedler dem wütenden Walten einer unbändigen Natur, die stets Leib und Leben bedroht, nicht nur misstrauen, sondern sie auch bekämpfen.

Frau K. könnte natürlich auch in einem sterilen, balkonlosen Betonplattenbau einer Großstadt leben, wo ihre Kinder in die Hände klatschen, wenn sich einmal eine brummelige Fliege ins 13. Stockwerk verirrt hat. Ja, in diesen urbanen Biotopen freut man sich wie ein Astronaut einer Raumstation, wenn man anderen Lebewesen begegnet. Hey, schau, ein Silberfischchen auf der Toilette! Die „winzigen, knallroten Viecher“ (aka Rote Samtmilbe) im Blumentopf werden dann zu fantastischen Besuchern aus einer anderen Welt. Und deren wunderbare, scharlachrote Behaarung am Hinterleib sehen nur jene, die diese zarthäutigen Wesen nicht sofort zwischen den Fingern zerdrücken. Und zum Leidwesen der Schnecken gibt es sogar sehr viele Insekten, die diese gerne fressen. Vor allem Ameisen, Lauf- und Leuchtkäfer fressen sich, ohne mit ihren Facettenaugen zu zucken, durch die Schleimabwehr unserer nackten und behausten Freunde. Leben und leben lassen, Frau K., poliert auch das Karma auf!


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