Badeschiff, überholt

Das Badeschiff war im Dock - neue Besatzung, neues Deck, neuer Hafen

Stadtleben | LOKALKRITIK: FLORIAN HOLZER | aus FALTER 22/15 vom 27.05.2015


Foto: Paul Sturm

Foto: Paul Sturm

In den neun Jahren, in denen es das Badeschiff schon gibt, ist ja tatsächlich eine Menge passiert. Einmal soff es bei Hochwasser fast ab, dann kam 2010 mit dem Motto am Fluss ein zweiter Anleger in die Bucht, und insgesamt wurde das gastronomische Konzept mindestens sechsmal geändert. Mit einer Honeymoon-Phase in der Zeit, als Christian Petz hier für das lässigste Essen der Stadt zum verhältnismäßig niedrigsten Preis sorgte.

Petz hörte 2013 auf, Nachfolger Sandro Balogh ein Jahr später, die Badeschiff-Reeder suchten eine neue Besatzung. Und siehe da, an Bord kamen Leute, die momentan schon auf recht vielen Schiffen zu segeln scheinen, nämlich die Burschen von Ludwig & Adele, die sich innerhalb von nicht mehr als drei Jahren von den Betreibern einer lässigen Musikbar zu Multi-Gastronomen entwickelten: Tonbar, Ludwig & Adele, Café im Wien Museum, Porgy & Bess, und die Ottakringer Brauerei wird bei Events außerdem noch becatert – etwa vorige Woche anlässlich des ESC.

Umso erstaunlicher, dass sie angesichts dieser Agenda nicht einfach nur aufmachten, sondern bei der Gelegenheit das ganze Schiff in Ordnung brachten: neue Klos, Holzboden teilweise neu verlegt, Fenster neu gemacht, Bar neu installiert, Tische neu, Sessel neu, Bänke neu – Vorarlberger halt.

Einen neuen Namen gab’s auch, nämlich „Prost Mahlzeit & a guat’s Nächtle am Badeschiff“, was, muss man sagen, durchaus in der Tradition eines „Holy Moly Rock ’n Roly“ ist. Und was gibt’s zu essen? Eine kleine Karte, die man im weitesten Sinn als mediterran bezeichnen könnte, viel Fisch und Gemüse, mit Brimborium ausgestattet: große Teller, viele Extra-Schüsselchen mit Dips und Saucen. Okay, wenn’s sein soll. Die Tomaten-Fenchelsuppe war jedenfalls schon mal recht gut, etwas winterlich vielleicht, das Oliventascherl verzichtbar (€ 4,50), die gesottene Artischocke im Ganzen wirklich riesig und die beiden Saucen auch recht fein. Allerdings war die Distel schon ein bisschen trocken und gab daher wenig Fleisch ab (€ 7,50), die Miesmuscheln mit Weißwein-Wurzelgemüse-Fond dafür absolut großartig: klein, nicht zu Brei gekocht, sondern ganz zart (€ 7,60/13,50). Und wenn man den Fisch des Tages wählt, wird die – in diesem Fall – Dorade mit einer extraknusprigen Brösel-Kruste in einem Bräter zu Tisch gebracht und vom Service-Mitarbeiter filetiert. Schmeckte hervorragend, bin gespannt, wie die das machen, wenn alle im Lokal Fisch des Tages bestellen (€ 38,–).

Angesichts des Slow Taco und der kompromisslosen Wein-Bar Pub Klemo gegenüber auf dem Festland ist das Programm derzeit vielleicht noch um eine Spur zu brav und vorsichtig, im Ludwig & Adele wirkt die Küche etwas wilder und ungezügelter. Aber das kommt vielleicht, wenn der Song Contest vorbei ist …

Resümee:

Auf dem Badeschiff kochen jetzt Ludwig & Adele. Und zwar eine sehr brave und korrekte mediterrane Küche mit dem besten Service, den’s hier je gab.

Prost Mahlzeit am Badeschiff
1., Donaukanallände
Tel. 0664/75 01 04 17
tägl. 8–1 Uhr
prostmahlzeit.wien


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