Ohren auf Neues von John Zorn

Quertönendes von Engeln, Orgeln und Onkel Lou

Feuilleton | DAVID MOCHIDA KRISPEL | aus FALTER 22/15 vom 27.05.2015

Beim US-Musiker John Zorn, 61, zwischenzeitlich den Überblick zu verlieren, ist leicht. Die hier besprochenen Alben reißen nur einen Teil seiner stets wuchernden Betätigungsfelder an, der Katalog seines Labels Tzadik ist sowieso längst überbordend.

Ein bisserl mehr durfte es auch beim zweiten Masada-Songkatalog sein. 300 Titel hat Zorn für das "Book of Angels" geschrieben, die seit 2005 von unterschiedlichen Gruppen oder Solisten interpretiert werden. Ausgabe 24 bestreitet die 16-köpfige Gruppe Klezmerson aus Mexico City. Mexikanische und Lateinamerikanische Traditionen vertragen sich auf "Amon" recht gut mit Zorns Musik, die auch in Richtung Dub, Rock, Psychedelia, und Surf getragen wird. Der Flappentext bietet Henry Mancini und Xavier Cugat als Referenzen an, die stecken wohl auch drin.

Wo auch immer der alte Sünder Lou Reed jetzt abhängt, Zorn schickt ihm mit "Transmigration of the Magus" zum ersten Todestag eine schöne kleine Meditationsmusik. Eingespielt vom Gnostic Trio mit Zusatzgästen an weiteren Harfen und Vibrafonen erinnert das im Zorn-Kanon am ehesten an die sanftmütige Fahrstuhlmusik der Dreamers-Formation. Gelegentlich steuert John Medeski funky Orgeltupfer bei, aber die Show steht im Zeichen von Bill Frisells wie immer sehr geschmackssicherer Gitarre, die in ätherischen Kombinationen mit den schon erwähnten Klangerzeugern im Raum schwebt.

Zu guter Letzt greift der Maestro selbst in die Tasten und legt ein weiteres ungewöhnliches Orgelsolo vor. "The Hermetic Organ Vol. 3" hat Zorn als Teil seiner 60er-Sause 2013 in einer umfunktionierten Kirche in Huddersfield improvisiert. Heroen wie Xenakis, Ligeti und Messiaen treffen auf ein Instrument, dem Zorn mit reichlich unerlaubter Vibrato-Schrauberei unorthodoxe Sounds abringt. Das Phantom der Oper lässt grüßen.


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