Das TiB bringt 101 Miniaturen aus der gekränkten Gesellschaft auf die Bühne

Steiermark | THEATERKRITIK: HERMANN GÖTZ | aus FALTER 22/15 vom 27.05.2015

In Zeitschriften, die urbanem Lifestyle hinterherschreiben, wird derzeit ein klares Bild von privater Gemütlichkeit vermittelt: Vintage, Flohmarktbeute, kreativer Stilmix. Passend dazu hat das Theater im Bahnhof für sein aktuelles Stück "Die gekränkte Gesellschaft" den großen Saal im Volkshaus gestaltet (Ausstattung: Heike Barnard). Auf den zweiten Blick irritiert nur, dass die bunt durchmischten Sofas, Sessel, Schaukelstühle nummeriert sind. Aber gleich wird klar: Es geht hier eh um Zahlen. Die unter der Regie von Monika Klengel entworfene Produktion präsentiert sich als soziologische Untersuchung einer Gruppe von 100 Menschen, die nur Eines verbindet: gesundheitliche Defizite. Ein Wimmelbild der titelgebenden "gekränkten Gesellschaft". Aber was sagt die Statistik schon? Der Witz dieser Produktion speist sich aus dem Abgleich zwischen der Wahrheit einer quantitativen Analyse und jener konkreter Lebenswirklichkeiten. Viel interessanter als das humoristische Potenzial der Erzählstruktur ist jedoch ihr poetisches. Wie viele Worte braucht es, um die Geschichte eines Menschen zu vermitteln? In radikaler erzählerischer Reduktion werden von Jacob Banigan, Juliette Eröd, Veza Maria Fernandez Wenger (als Gast), Eva Hofer, Elisabeth Holzmeister, Rupert Lehofer und - an den Bleistiften - Helen Thümmel 101 Miniaturen serviert, die sich zu einem großen Ganzen fügen. Denn wie bei guten Wimmelbildern von Pieter Brueghel bis Ali Mitgutsch funktioniert hier die Gesamtkomposition genauso gut wie jede einzelne Geschichte. Eine Symphonie aus Stadtgeflüster als großes TiB-Gemälde. Ein echter Klengel.

Volkshaus, Graz, Fr, Sa 20.00


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