"Meine Freundin war früher Wienerin"

Vom Leben nach Sonic Youth: Thurston Moore stellt sein aktuelles Soloschaffen in Wien vor

INTERVIEW: GERHARD STÖGER | aus FALTER 22/15 vom 27.05.2015


Foto: PSI2

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Kim Gordon und Thurston Moore waren nicht nur Gründungsmitglieder der enorm einflussreichen New Yorker Noisepopband Sonic Youth, sie bildeten lange Zeit auch das coolste Ehepaar des Rock’n’Roll. 2011 zerbrach die Ehe und damit auch die Band. Gordon hat ihre Sicht der Dinge kürzlich in der Biografie „Girl in a Band“ erzählt, Moore gibt sich derweil etwas gar penetrant frisch verliebt. Das Werk von Sonic Youth schreibt der 56-Jährige mit dem höchst agilen Soloalbum „The Best Day“ allerdings überzeugend fort. Nun stellt er es live in Wien vor.

Falter: Was fällt Ihnen als Erstes ein, wenn Sie an Wien denken?

Thurston Moore: Dass meine Freundin noch nie dort war, in ihrer Bibliothek aber unzählige Bücher über Wien stehen. Vor allem über die Zeit um 1900 und die Künstler der Wiener Secession. Auf gewisse Weise zieht sie sich sogar an, als käme sie selbst aus dieser Epoche. Ich freue mich extrem darauf, ihr Wien jetzt in echt zeigen zu können, denn bei ihrem Kunstgeschmack und ihren Architekturvorlieben könnte man glatt glauben, dass sie in einem früheren Leben eine Wienerin war.

Erinnern Sie sich noch an Ihr
erstes Wienkonzert?

Moore: Wie könnte ich das vergessen!

Als Sonic Youth 1982 beim Festival „Töne/Gegentöne“ spielten, war die Popwelt noch streng in Mainstream und Underground getrennt, in die guten Indielabels und die böse Musikindustrie. Später haben Sonic Youth selbst bei einem Musikmulti unterschrieben, Sie kennen also beide Welten von innen. Was sind im Rückblick die zentralen Unterschiede?

Moore: Ich verschwende ehrlich gesagt nicht viel Zeit damit, mir im Zusammenhang mit Musik den Kopf über Businessaspekte zu zerbrechen. Ich habe Freunde, die an Schreibtischen sitzen und sich darum bemühen, dass Bands nicht nur Platten aufnehmen, sondern auch gehört werden, und ich habe Freunde, die sitzen in ihren Kellern und machen exakt dasselbe. Wenn wir diese Musik dann hören und fühlen, verbindet uns alle etwas – ganz egal, auf welchem Weg sie uns erreicht hat. An guten Tagen verbindet uns die Konzerterfahrung, ob auf der Bühne oder im Publikum. Das Gefühl kann sich auch einstellen, wenn man daheim eine aufwändig gepresste Vinylschallplatte auflegt – und manchmal kommt die gute Musik auch einfach aus dem digitalen Spielzeug, das uns mittlerweile ständig begleitet.

Als Rockmusiker kennen Sie die großen Bühnen, Sie sind aber auch in Jazzklubs anzutreffen, wo Sie dann frei improvisieren. Welchen Rahmen bevorzugen Sie?

Moore: Der Rahmen ist zweitrangig, denn es geht eigentlich immer nur darum, die Musik zu spüren. Wenn die Energie stimmt, kann das unabhängig vom Kontext jederzeit und überall passieren.

Einige Stunden vor Ihrem letzten Wien-Konzert gingen Sie in der Stadt Platten kaufen. Könnte das auch diesmal wieder so sein?

Moore: Ja, klar. Vielleicht sehen wir uns ja im Plattengeschäft!

Ihrer Plattensammlung eilt ein legendärer Ruf voraus. Wie groß
ist sie wirklich?

Moore: Ich habe meine Platten noch nie gezählt und ich habe das auch nicht vor. Besitz bedeutet mir nicht sonderlich viel, der Sammler ist niemals so interessant wie der Hörer.

Wissen Sie denn, auf wie vielen Tonträgern Sie selbst vertreten sind?

Moore: Nein, aber da diese Frage gelegentlich auftaucht, bemüht sich gerade jemand, eine möglichst vollständige Diskografie zu erstellen.

Wie trat die Musik einst in Ihr Leben?

Moore: Mein älterer Bruder Gene spielte Gitarre. Irgendwann fing ich an, die Schule zu schwänzen, um stattdessen in sein Zimmer zu schleichen und mich mit seiner Gitarre zu beschäftigen. So ging es los.

Jahrzehntelang stand Sonic Youth im Zentrum Ihres Schaffens. Eine Band, von der man dachte, es werde sie wie die Rolling Stones immer geben. Inzwischen hat sich das geändert. Wie denken Sie über das Ende der Band?

Moore: Dass es cool ist, Kunst und Schallplatten losgelöst von allem als autonome Werke zu betrachten.

Ihr aktuelles Soloalbum „The Best Day“ klingt nicht nur sehr gut,
sondern auch sehr gut gelaunt.

Moore: Dazu habe ich auch allen Grund. Ich bin verliebt, und ich spiele gemeinsam mit einigen meiner Lieblingsmusiker in einer Band, die ich eigentlich nur als Traumband bezeichnen kann. Steve Shelley von Sonic Youth ist dabei, die großartige Deb Googe von My Bloody Valentine und dann noch dieser Londoner Reißwolf namens James Sedwards, ein Mitglied der außergewöhnlichen Progband Nought.

Was ist beim Konzert zu erwarten?

Moore: Die Band ist gerade erst wieder aus dem Studio aufgetaucht und unsere neuen Songs fühlen sich an wie der Frühling. Einige davon werden wir in Wien sicher schon spielen.

Arena, Do 20.00


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