Neue Bücher

Düstere Prognosen und Erinnerungen eines Dokumentarfilmers

Feuilleton | aus FALTER 23/15 vom 03.06.2015

John Gray ist emeritierter Professor für Europäische Ideengeschichte an der London School of Economics. Er wurde in den 1990er-Jahren als Kritiker neoliberaler Wirtschaftsideologie bekannt und schreibt regelmäßig für den Guardian und andere Zeitungen. Anders als der deutsche Titel "Raubtier Mensch" suggeriert, befasst sich Gray in seinem neuen Buch nicht mit der Ausbeutung der Natur durch den Menschen, sondern vielmehr mit dessen in der Essenz tierischer Natur. Das heißt: Menschen kämpfen wie Tiere ums Überleben und Weiterleben, auch unter widrigsten Umständen.

Gray geht mit dem Fortschrittsglauben hart ins Gericht. Es bezweifelt die Heilsversprechen, die sowohl Christentum als auch pseudoreligiöse politische Überzeugungen den Menschen in Aussicht stellen, und beruft sich selbst auf Denker wie Schopenhauer und Freud. Das Leben sei dennoch lebenswert, meint er. Sein Buch bleibt ein dunkles Werk. KCH

John Gray: Raubtier Mensch. Die Illusion des Fortschritts. Klett-Cotta, 205 S., € 20,60

Klaus Wildenhahn ist der Jazzer unter den Dokumentarfilmern. Er dreht, wenn andere nicht drehen, oft wirken seine Arbeiten wie improvisiert, als wären sie nur von der Stimmung des Augenblicks getragen. Schon lange vor dem Filmen, mit 17, fing er an zu schreiben. Er floh vor der Enge der deutschen Nachkriegszeit, lebte einige Jahre in London und landete 1959 in Hamburg beim Norddeutschen Rundfunk. "Das Fernsehen baute auf", so der Autor lapidar, "da konnten noch Angelernte, Halbgelernte, Spinner unterkommen."

Für rund 40 Jahre und ebenso viele Filme ist Wildenhahn beim NDR geblieben und hat das Leben der sogenannten kleinen Leute dokumentiert. Die hier versammelten lyrischen Texte lesen sich wie Filmszenen: "Schwingtür Café /Zweiundzwanzig Uhr singt im Le Relais /der Kellner mit zwei Gästen Nathalie /alles klatscht". Am 19. Juni begeht Klaus Wildenhahn seinen 85. Geburtstag. MO

Klaus Wildenhahn: Abendbier in flacher Gegend. Hg. von Eva Orbanz. Verbrecher, 106 S., € 12,40


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