"Kämpfen wie blöd um manche Filme"

Barbara Reumüller, die Leiterin des Filmfestivals Identities, zeigt Queer Cinema aller Genres

INTERVIEW: MICHAEL OMASTA | aus FALTER 23/15 vom 03.06.2015


Foto: Identities 2015

Foto: Identities 2015

Während der nächsten zwei Wochen stehen beim Queer Film Festival Identities gut 90 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme auf dem Programm. Die Spurensuche nach lesbischen, schwulen, queeren Geschichten reicht von Dokus über feministische Ikonen wie Alice Walker und genderbewusste Horror-Interpretationen aus Lateinamerika bis zum hinreißenden Animationsfilmprogramm und wartet mit großer Besetzung von Vanessa Redgrave und Julia Roberts bis Mark Ruffalo und Daniel Radcliffe auf. Für die umsichtige Filmauswahl zeichnet Festivalgründerin Barbara Reumüller verantwortlich.

Falter: Sie haben 1994 mit Identities angefangen. Ließ sich der große Erfolg des Festivals damals schon absehen?

Barbara Reumüller: Es gab einen offensichtlichen Bedarf und jugendlich ungestüme Energie, allen Unkenrufe zum Trotz ein Festival zu gründen und gemeinsam das Queer Cinema zu entdecken. Die Energie hat sich wohl auf das Publikum übertragen. Identities ist eine ganz spezielle Mischung aus Cinephilie und Event, wenn Sie wollen: building bridges zwischen Filminteressierten aller Altersstufen und der Community.

Inwiefern ist mit Identities auch ein politischer Anspruch verknüpft?

Reumüller: Die ausgewählten Filme vermitteln immer auch, wie moderne Gesellschaften mit gleichen Rechten für queere Menschen aussehen können. Sie zeigen, wo wir jetzt im Umgang mit Diversität, im Kampf gegen Diskriminierung, Homophobie und Rassismus stehen. Das Queer Cinema ist international einfach eine filmische Größe, die vom Thriller „Darkness by Day“ über die Independent-Komödie „Appropriate Behavior“ bis zum Essayfilm „The Royal Road“ so ziemlich jedes Genre umfasst. Das Publikum unterscheidet deshalb auch immer weniger nach Etiketten à la „Nur für Queers“ – nur die PR-Abteilungen und Medien sind da manchmal noch hintennach.

Wie erarbeiten Sie das Programm?

Reumüller: Viel läuft über Festivals, Vorabsichtungen von Verleihtiteln, Tipps von Kolleginnen und Kollegen weltweit, direkte Kontakte mit Filmschaffenden und Institutionen. Dazu gibt es oft langjährig geführte Themen- und Wunschlisten – meine eigene und eine vom Publikum –, und natürlich werden Filme bei uns, wie bei jedem anderen Festival auch, eingereicht. Heuer besonders stark vertreten sind Dokus über feministische Ikonen und große Namen: Yvonne Rainer, Annemarie Schwarzenbach, Susan Sontag, Alice Walker, Audre Lorde, Violette Leduc. Einen zweiten Schwerpunkt bilden Filme über Musik und Literatur von Punk bis Big Brass Band.

Gibt es klare Trends im queeren Filmschaffen?

Reumüller: Na sicher, es ist ja eingebettet in das internationale Filmbusiness und längst ein unverzichtbarer Teil auf den großen Festivals von Sundance bis Cannes. Das aktuelle Queer Cinema arbeitet in allen Genres, politisch, filmhistorisch bewusst und es bringt ständig neue Stimmen und Talente hervor – Xavier Dolan, Desiree Akhavan, Chloé Robichaud, Adiya Imri Orr, um nur ein paar zu nennen. Und die „Altmeister“ wie Todd Haynes oder Bruce LaBruce überzeugen mit ihren reifen, romantischen Arbeiten sowohl Kritik als auch Publikum.

Bekommt Identities jeden Film,
den es zeigen will?

Reumüller: Nein, natürlich nicht. Um manche müssen wir kämpfen wie blöd, und wir müssen immer wieder auch gegen latente Homophobie anarbeiten. Je größer oder bekannter der Film bzw. die Filmschaffenden, desto mehr hoffen Verleihe darauf, dass das jeweilige Werk nicht nur in einem queeren Kontext wahrgenommen wird. Da hat sich in den letzten 20 Jahren leider noch zu wenig verändert. Auf der anderen Seite sucht man schon lang unser Wissen um Zielgruppenarbeit. Schön zu sehen sind Erfolge bei der Identities-Schiene „Second Chance“ – heuer mit „Tom à la ferme“, „Violette“, „Pride“ und anderen Arthouse-Juwelen –, wo wir durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit noch einmal ein anderes Publikum erreichen.

Neben der aktuellen Produktion legen Sie immer auch Wert darauf, Klassiker zur Diskussion zu stellen: Was interessiert Sie dabei?

Reumüller: Kontexte vermitteln, Zusammenhänge entdecken, Kontinuitäten aufzeigen und natürlich immer wieder manifestieren, dass Lesben, Schwule, Queers und damit verbundene Themen immer schon Teil der Filmgeschichte waren und sind. Wie offen sichtbar, steht auf einem anderen Blatt. Ausblendungen sind bis heute an der Tagesordnung, aber wer Queer Film nach wie vor als Minderheitenprogramm abtut, hat offensichtlich was verpasst und sollte da einmal nacharbeiten. Identities 2015 ist die perfekte Gelegenheit dafür – ein kompakter Schnellkurs zum „state of the art of queer film“.

11. bis 21.6. im Filmcasino und Topkino
Eröffnung: Gartenbau, Do 20.30
Information: www.identities.at


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