Selbstversuch

Das kann sich auch keiner mehr vorstellen

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 24/15 vom 10.06.2015

Man ist wahrscheinlich urlaubsreif, wenn man im Schreibprogramm statt der Falter-Kolumnen-Startseite die gesammelten Sommerrezepte anklickt, immer wieder, permanent.

Spinat-Salat mit Quinoa, ein neues Taboulé, diverse Grillgemüse und französischer Linsensalat mit gegrillter Melanzani. Überhaupt sollte man viel mehr Melanzani essen, mit Olivenöl im Ofen gebacken, bis sie ganz cremig sind und man sie aus der Schale löffeln kann. Oder man tut sie dann in einen Linseneintopf, so einen, wie ich ihn kürzlich bei Purple Eat gegessen habe, absolut fantastisch, ganz sämig und würzig, mit braunen Linsen, geschmorten Zwiebeln und viel Zimt, und ich habe jetzt schon drei- oder viermal versucht, den korrekt nachzukochen, aber irgendwas hat immer nicht ganz gestimmt.

Da, man schweift schon wieder ab. Urlaub wäre gut. Man will auch keine Nachrichten mehr hören oder lesen, ein paar Wochen ohne Internet wären schön. Man ist ja in einem Alter, in dem man die Geschichte sich wiederholen sieht, und man will nicht glauben, wie sehr die gleichen Fehler immer wieder gemacht werden können. Sie können; als gäbe es keine Archive.

Dass man die Ausgrenzungspolitik endlich beenden müsse - das hat man doch schon gehört? Das war doch schon mal? Aber offenbar ist Jörg Haider schon so sehr eine historische Figur, dass die gnädig Spätgeborenen sich sagen können: Ach, das war vor langem, so würde das jetzt nicht mehr. Oh ja, wird es. Und vor so langem war es eben nicht, wir sind ja noch nicht einmal mit dem Aufräumen fertig, noch ewig nicht. Aber. Was rede ich. Predige zu den Konvertierten und anderen Frühgeborenen, auch solchen, die einmal Josef Cap mit glühenden Backen eine Vorzugsstimme gegeben haben. Kann sich heute auch keiner mehr vorstellen.

Zumindest ein Anlass, die Liste der Dinge zu ergänzen, für die man nicht zu alt wird. Heute: auf Internet-Betrüger hineinfallen. Natürlich musste das einmal passieren, nachdem man schon so viel im Internet gekauft hat, vor allem secondhand von irgendwelchen Privatpersonen und Tandlern. Überraschenderweise ist man in all den Jahren so gut wie nie übers Ohr gehaut worden, und wenn, dann in betörend kleinem Rahmen. Diesmal: ganz schön reingefallen, auf eine englische Firma, die auf einer schönen Homepage schöne Designreplikate von Eames- Bürosesseln anbot, denn der Rücken verlangt nach einem vernünftigen Bürostuhl, das Auge nach einem ansehnlichen, das Konto nach einem günstigen.

Jajaja, man hätte unbedingt stutzen sollen, als die weder PayPal-noch Kreditkartenzahlung akzeptierten, sondern nur Überweisungen. Auch die lange Lieferfrist hätte einem zu denken geben können, die offenbar nur den Zweck hatte, die Firma zwischenzeitlich spurlos verschwinden zu lassen, Website inklusive. Immerhin, eine Netzrecherche ergab: Man ist nicht allein in seiner Dummheit, es gibt einen eigenen Geschädigten-Thread, und er ist lange. Ja, blöd, eh.


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