Enthusiasmuskolumne Diesmal: der schönste Wiener Gratis-Badestrand der Welt der Woche

Das Paradies zwischen Minarett und Insel

Feuilleton | KIRSTIN BREITENFELLNER | aus FALTER 25/15 vom 17.06.2015

Wenn einen mitten in der Stadt und mitten im Sommer die Sehnsucht nach Himmel packt, der sich in opakem Wasser spiegelt, und nach Bergen, die diesig vor diesem Himmel stehen, und nach kühlem Nass, das den eigenen Körper umgibt - dann lässt sie sich sehr unkompliziert stillen: Man steigt in die U6 und fährt bis zur Station Neue Donau.

Der Versuchung, über den Steg auf die weitläufige Donauinsel zu gelangen, kann man hier mühelos widerstehen. Denn wozu weitergehen, wenn man schon verweilen kann? Direkt vor dem U-Bahn-Ausgang fallen sanft geneigte Liegewiesen Richtung Neue Donau ab, einem stehenden Naturgewässer.

Die Wiese ist zwar an vielen Stellen dürr, und nicht alle Badegäste hinterlassen ihren Platz tadellos sauber, aber die Schattenplätze sind hier offenbar nicht die begehrtesten, und im Wasser ist man im Nu. Es ist herrlich frisch, chlor-, hunde-und zumindest bis Mitte des Sommers auch algenfrei. Das Rattern der nahen U-und S-Bahn lässt sich formidabel ausblenden, wenn man über die Trassen hinweg Richtung Leopoldsberg und Kahlenberg blickt und sich beinahe außerhalb der Stadt wähnt. Dass man sich hier international fühlt, erleichtern einem die anderen Badegäste, größtenteils Neowiener unterschiedlichster Zungen, die mehr Zeit als Geld zu besitzen scheinen und ihre Sitten und Gebräuche ans Ufer und zu Wasser tragen.

Hinter dem Kinderschwimmbereich und dem Spielplatz ragt das Minarett der ältesten Moschee Österreichs auf. Der Eismann, der alle Viertelstunden verlockend klingelt, kommt vermutlich aus Indien oder Sri Lanka, und in Pfundner's Gasthaus gibt es nicht nur Wiener Schnitzel, sondern auch Thunfischsalat und gebackene Calamari. Snobfreier lässt es sich in Wien wohl kaum irgendwo baden.


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