Schatzi on Main

Wien hat nun sein erstes explizit kalifornisch kochendes Lokal

Stadtleben | LOKALKRITIK: FLORIAN HOLZER | aus FALTER 25/15 vom 17.06.2015


Quelle: melrose-vienna.at

Quelle: melrose-vienna.at

Ein Restaurant mit „Californian Cuisine“. Im ehemaligen Operettenheurigen „Grinzinger Weinschlössl“. In Grinzing. In das eine Beteiligungs-Gesellschaft fünf Millionen Euro investierte. Und das so heißt wie eine Aaron-Spelling-Serie aus den 1990ern – das wären dann auf der internationalen Hass-Skala ungefähr 97 von 100 Punkten.

Irgendwann werden sich aber sowohl die Bewahrer des Leider-nein-Weltkulturerbes Grinzing in den diversen Hass-Foren ebenso beruhigt haben wie die Warner vor gastronomischem TTIP, und dann kann man sich die Sache ja einmal ganz unaufgeregt ansehen: Das Grinzinger Weinschlössl war ein Relikt des Bustourismus, je eher es verschwand, desto besser. Abgesehen davon hat Grinzing kein einziges nennenswertes Restaurant vorzuweisen. Und ja, klar wäre an dem Ort und mit dem Geld im Hintergrund ein Restaurant, das sich irgendwie mit heimischer Küchen- und Weintradition auseinandersetzt, auch nicht schlecht gewesen. Aber erstens kann man das den Leuten halt schwer vorschreiben, und zweitens gibt’s eh den Pfarrwirt.

Das Melrose sieht tatsächlich ein bisschen so aus, als stünde es in Santa Monica (Arnold Schwarzeneggers Restaurant „Schatzi on Main“ ebendort ist übrigens längst geschlossen): wenig Einblick nach innen, eine fitte Klimaanlage, Barrierefreiheit und Treppenlift für den ersten Stock, begehbarer Weinkeller, offene Grillküche, massiges Mobiliar, Sonnenschirme im Garten.

Restaurantleiter und Erfinder des Melrose Georg Entler hat einige Zeit in Kalifornien verbracht, arbeitete aber auch zehn Jahre lang im Livingstone in der Wiener Innenstadt. Dort lernte er sowohl das Wiener Publikum kennen als auch Küchenchef Jeffrey Bartolome, den er im Vorfeld des Melrose-Projekts immerhin zu Wolfgang Puck nach Los Angeles schickte, um dort ein bisschen Gefühl für die kalifornische Küche zu entwickeln. Was offenbar keine schlechte Idee war, denn das Melrose ergeht sich überhaupt nicht in irgendwelchen absurden Fusions-Salti, sondern liefert eine straighte, moderne und vor allem frische Küche ohne alle manierierten Peinlichkeiten ab.

Das Beef-Tatar mit Wachtelei-Tempura, Olivenöl-Sorbet und wirklich extra-flaumigem Brioche war schlichtweg großartig, gehackt und ein bisschen mit Aioli mariniert (€ 13,90). Der Caesar Salad – ein ebenso einfaches wie großartiges Gericht, das fast immer falsch gemacht wird – müsste zwar vielleicht nicht als geviertelter Salatkopf im Ganzen serviert werden, aber die Marinade ist großartig, auf sinnlose Protein-Beilagen wie Hühnerstreifen oder Sumpfgarnelen wird verzichtet (€ 7,90). Und die knusprigen Softshell-Crabs auf grünem Papaya-Pomelo-Salat könnte ich ehrlich gestanden jeden Tag essen (€ 17,90). Schade nur, dass es keine kalifornischen Craft Beers gibt.

Resümee:

Oft ist es dann weniger schlimm, als man vielleicht vermuten würde – das kalifornische Melrose in Grinzing bietet gutes Essen zum fairen Preis.

Melrose
19., Grinzinger Str. 1
01/328 20 20
tägl. 18-1, Sa, So, Fei 10.30–14.30 (Brunch) Uhr
Reservierung erforderlich
www.melrose-vienna.at


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