Doris Knecht Selbstversuch

No, this one, thank you very much

Falter & Meinung, FALTER 25/15 vom 17.06.2015

Ah, Berlin wieder. Immer einen Schritt voraus. Zum Beispiel in der Gastronomie, wo in Berlin immer wieder neue Standards runtergesetzt werden. Und so sollte man jetzt besser damit rechnen, dass man in einem dieser trendigen ("Der Besitzer hat mal im El Bulli gearbeitet!", was mir natürlich von vornherein eher Angst macht) Neuköllner Lokale sein Essen nicht mehr nur selber am Tresen bestellen muss, sondern dabei auch nicht mehr verstanden wird. Ich hätte gern einen Espresso, und was ist denn das da bitte? Could you say it in Englisch, please? Oh, globales Dorf, oh wir sprechen doch alle eine Sprache, oh sure.

Allerdings weiß man angesichts der verständnislosen Bakery-Bar-Dame, die mit hängenden Armen und verlegenem Lächeln hinter der Theke steht und die Frage, was denn das da in der Vitrine sei -no, this one! -, auch nicht beantworten kann, als sie auf Englisch gestellt wird (es handelt sich um ein Croissant mit Toastschinken und Gouda, wie man es aus dem El Bulli kennt), dass das noch nicht alles gewesen sein wird.

Lieber erst mal Espresso, tap water and this cake here, please; no, this one!, thank you very much. Immerhin wird einem beschieden, man dürfe draußen Platz nehmen und werde beliefert. OH! Wow. Man muss es nicht selber von drinnen holen. Welch besonderes Privileg in einer gastronomischen Einrichtung.

Einmal, vor sehr langer Zeit, an einem sehr heißen Sommertag im Volksgarten-Pavillon, habe ich mit Hans Platzgumer, Schorsch Kamerun und noch ein paar Leuten unmittelbar vor einer durstbedingten Ohnmacht spontan einen Fanclub für einen der Kellner gegründet. Das fällt mir in Berlin wieder ein, wo ich mit dem reizenden D. in der Sonne sitze und meine Konsumation erwarte. Und dann kaum mehr erwarte.

In Berlin ist es so, dass die Kellnerin, nachdem sie lange nichts, dann wiederholt das Falsche herausgetragen hat, schließlich korrekt Kaffee, Wasser und Kuchen bringt. Und zwar. Also. Hiermit rege ich an, dass endlich jemand so ein leichtes, stabiles, ganz flaches Ding mit Rand etwa in der Größe einer Schallplatte erfinden möge, das es Servierpersonal erlauben würde, unkompliziert mehr als zwei Getränke auf einmal zum Gast hin zu befördern.

Obwohl, diese Kellnerin weiß sich auch ohne so zu helfen. Sie bringt rechter Hand ein Glas Wasser, linker Hand den Kaffee, und den Kuchen trägt sie unter der Achsel heraus, von wo der Gast ihn herauszupflücken aufgefordert wird. Thank you!! Das würde, sagen wir, bei den Gästen vermutlich nicht so gut ankommen, wäre die Kellnerin eine beleibte, schwitzende 45-Jährige in Schlauchtop und Crocs .Aber diese Kellnerin ist süße 22 oder so, hat eine putzige Hipsterfrisur, ein herziges, entschuldigendes Lächeln und ein sehr kurzes Kleidchen, sie könnte den Kuchen auch in ihrem Turnschuh servieren, alle fänden das gut.

Immerhin: Der Kuchen schmeckt richtig delicious. Hier komm ich fix wieder her.

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FALTER 26/19
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