Gelesen Bücher, kurz besprochen

Politik | MARIANNE SCHRECK | aus FALTER 25/15 vom 17.06.2015

Stadtführer gegen das Vergessen Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit ist ein unüberschaubarer, in vielen Fällen ein nur im Ansatz vollzogener Prozess, der sich vielerorts nicht adäquat im Stadtbild einschreibt. So weiß man zwar um die rote Karriere des Arztes Heinrich Gross, der am Spiegelgrund Kinder systematisch folterte, mittlerweile eingehend Bescheid. Geht man am Julius-Tandler-Platz in Wien 9 spazieren, würde kaum jemand vermuten, dass der Anfang des 20. Jahrhunderts tätige Arzt und Sozialreformer Julius Tandler lange vor den Nationalsozialisten die Ermordung von Behinderten propagierte.

Der als Stadtführer konzipierte Überblick auf die "braunen Flecken" Wiens tritt an, um diesem Prozess der Unüberschaubarkeit entgegenzuwirken. Es ist eine ausgewogene Mischung aus bekannten Fakten und aktuellen Recherchen.

So war die Gestapo-Hauptzentrale im Hotel Metropole am Morzinplatz mit 900 Mitarbeitern die größte Leitstelle des Dritten Reichs (siehe auch Falter 22/15). Bei der Donau-Bar im siebten Bezirk hingegen mutmaßte man lange Zeit, dass sie eine Synagoge gewesen sei: Nach umfassenden Renovierungsarbeiten kamen auf den Wänden Davidstern und stilisierte Weintrauben zum Vorschein. Historisch verbrieft ist nur, dass der jüdische Klavierfabrikant Carl Schweighofer dort seine Klaviere präsentierte. Über die Familie seines Nachfolgers Friedrich Karbach-Kohn weiß man bis heute sehr wenig: Er wurde 1942 nach der "Arisierung" des Gebäudes in Theresienstadt ermordet.

Eva Maria Bachinger, Gerald Lehner: Im Schatten der Ringstraße. Czernin, 322 S., € 23,90


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