"Man hört den Text mit anderen Ohren"

Gustav Ernst stellt beim Lesefest "Rund um die Burg" am Freitag seinen neuen Roman vor

Lexikon | INTERVIEW: SARA SCHAUSBERGBER | aus FALTER 25/15 vom 17.06.2015


Foto: APA/Gerhard Kresser

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Wien“ lautet heuer das Motto der Literaturveranstaltung „Rund um die Burg“, bei der Autorinnen und Autoren in einem Zelt neben dem Burgtheater am Freitag und am Samstag bei freiem Eintritt aus ihren Neuerscheinungen lesen – unter anderem Elfriede Hammerl, Tex Rubinowitz, Isabella Straub und Otto Brusatti. Am Freitag um 17.30 Uhr ist der Wiener Literat Gustav Ernst, 70, mit seinem neuen Roman „Zur unmöglichen Aussicht“ dran. Elke Winkens und Helmut Schneider moderieren.

Falter: Herr Ernst, lesen Sie gerne vor?

Gustav Ernst: Ja, aber ich bin immer ein bisschen aufgeregt, weil ich weiß, dass ich kein optimaler Vorleser bin. Aber es ist eine kommunikative Form. Und ich mag es, dass man Leute so mit etwas konfrontiert, mit dem sie sonst vielleicht nie in Berührung gekommen wären.

Worum geht es bei einer Lesung?

Ernst: Lesungen haben zwar mit Literatur zu tun, sind aber ein ganz anderes Medium, zu dem viele zusätzliche Momente hinzukommen, die mehr mit der darstellenden Kunst als mit der Literatur zu tun haben. Plötzlich spielt es eine Rolle, wie ein Autor auftritt, ob er sympathisch ist oder nicht. Kann er vorlesen oder nuschelt er? Ist er fesch? Liest er stimmungsvoll oder zu schnell? Was für ein Gesicht macht er dabei? Das sind Repräsentationsmomente, die etwas ganz anderes vom Autor erfordern als das, was er gelernt hat.

Warum tut man sich das dann überhaupt an?

Ernst: Als Autor ist es gut, sich dieser Möglichkeit auszusetzen, weil man den Text mit anderen Ohren hört und andere Dinge wahrnimmt. Der Text selber wurde nicht für diese Art von Öffentlichkeit geschrieben, und mit dem Lesen in der Öffentlichkeit verändert er sich. Als Autor erfährt man etwas über die Wirkung des Textes, und vielleicht ergibt sich sogar ein Gespräch danach. Vor allem aber taucht so im Rahmen des öffentlichen Sprechens, das ja von Sprachverarmung und Sprachverkitschung geprägt ist, eine andere, widersetzliche Sprache auf. Das kann uns nur guttun.

Wir sitzen hier im Café Prückel. Auch in Ihrem neuen Roman begegnen sich die zwei Protagonisten im Kaffeehaus. Was bedeutet das Café für Sie als Wiener Literat?

Ernst: Als Literat bedeutet es mir eher weniger, ich bin kein Kaffeehausschreiber. Aber es ist ein wesentlicher Ort der Zusammenkunft. Während meiner Studentenzeit bin ich ganze Tage lang im Café Hummel bei einem Kleinen Braunen gesessen und habe gelesen oder Leute getroffen.

Gab es auch zufällige, schicksalhafte Begegnungen wie im Roman?

Ernst: Nicht in dem Ausmaß, dass sich daraus eine jahrzehntelange Kommunikation ergeben hätte. Das Buch besteht ja aus Szenen, in denen der eine Protagonist dem anderen allein durch Erzählungen durchs Leben folgt. Es geht um Familienverhältnisse und eine Ehe, die in die Brüche geht, und zum Schluss gibt es eine Überraschung, die die ganze Geschichte in ein spezielles Licht taucht.

Sie verhandeln durchaus ernste Themen, tun das aber mit viel Humor.

Ernst: Ich mag keinen Schenkelklopfer-Humor, sondern zugespitzte Formulierungen, die die Situation, den Witz einer Sache, kenntlich machen. Ein Beziehungsstreit zum Beispiel ist, wenn man selber mittendrin steckt, überhaupt nicht komisch, aber aus einer gewissen Entfernung betrachtet kann das so was von komisch sein.

Sie sind mit früheren Romanen und Stücken oft angeeckt. Sind Sie milder geworden?

Ernst: Gute Frage. Es hat mich nie interessiert, das Schöne und Gemütliche zu beschreiben, sondern ich wollte immer das, was sonst nicht beschrieben und bezeichnet wird, mit einem kritischen Anspruch darstellen. Und das sind nun einmal meist die unschönen Dinge. In meinem ersten Theaterstück kommt der Satz „Die Wahrheit ist ordinär“ vor.

Sind Sie also milder geworden?

Ernst: Nein. Vielleicht kann man es so charakterisieren: Zuerst habe ich versucht, die Gewalt zu beschreiben, die man ändern könnte. Und dann habe ich jene Gewalt beschrieben, die man nicht ändern kann: die Zeit, die Vergänglichkeit, den Tod. Die Art und Weise, wie ich darüber schreibe, ist vielleicht angenehmer, aber die Situation ist trotzdem bedrückend. Die zwei Herren, die in „Zur unmöglichen Aussicht“ im Kaffeehaus am Tisch sitzen, haben zwar eine gepflegtere Sprache, aber das macht die Themen, die verhandelt werden, nicht unbedingt angenehmer. Es kann sein, dass ich nach den letzten zwei Büchern wieder Appetit habe, die Verhältnisse deutlicher zu schildern. Sie hätten es nämlich durchaus nötig.

Rund um die Burg: Fr 16.00 bis 24.00 und Sa 11.00 bis 14.00 (Eintritt frei)
Information: www.rundumdieburg.at


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