Vor 20 Jahren im Falter Wie wir wurden, was wir waren

Blutgrenze

Falter & Meinung | AT | aus FALTER 25/15 vom 17.06.2015

Wie der aufhaltsame Aufstieg der FPÖ heute liberale Kreise schockt, so schockten vor 20 Jahren die Briefbomben die zivilisierte österreichische Gesellschaft. Klaus Zellhofer und Martin Staudinger präsentierten in diesem Falter eine neue Interpretation der bisher stattgefundenen Attentate. Sie lief darauf hinaus, dass die Orte, an denen Briefbomben explodiert waren, eine Abwehrgrenze der "Bajuwaren" - so nannten sich die Attentäter, man wusste nichts von einer Einzeltätertheorie -gegen östliche Völker, "Magyaren-" und "Turkvölker" darstellte. Die Verteidigung des christlichen Abendlandes mit unchristlichen Mitteln, dazu bedarf es, wie unsere Gegenwart lehrt, keiner Bomben. Die Behörden hatten diese Interpretation bei ihren Recherchen noch nicht entdeckt.

In Wien gab es etwas für uns Heutige Erstaunliches. Die SPÖ gab in Gestalt des Stadtrats Hatzl bekannt, ein mehrheitsfreundliches Wahlreicht einführen zu wollen. Das empörte die Grünen, die mit der SP schon so schön geflirtet hatten. Bernhard Odehnal berichtete: "Nachdem sich Häupl öffentlich von alternativen Annäherungsversuchen (der Grünen, Anm.) distanziert hat, sind jetzt auch die Grünen böse. Bitterböse. So böse, dass selbst der sonst so zahme grüne Stadtrat Christoph Chorherr der SPÖ droht:,Die werden mich noch kennenlernen.'"

Im Feuilleton erschien ein Essay von Gerald Krieghofer, in dem dieser voraussagte, Jörg Haider werde nach 1998 nicht Kanzler werden "und lautstarker Kommentator am Rande einer gefestigten Demokratie bleiben." Teil eins der Prognose war korrekt, über Teil zwei kann man streiten.

Einen gewissen Trost hielt Aleksandar Tišma bereit. Klaus Nüchtern porträtierte den großen serbischen Schriftsteller, der zwar einen durch die Okkupation seines Lebensorts Novi Sad im 2. Weltkrieg historisch begründeten Pessimismus in Bezug auf die Menschheit pflegte, aber auch sagte: "Ich glaube, dass die Menschheit schrecklich jung ist, und dass wir noch immer in der Pubertät sind. Die Chance liegt im Alter." Es kann nur besser werden.


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