Ohren auf Jazzige Tributes

Sun Ra wird geachtet, Lady Day geschlachtet

Feuilleton | KLAUS NÜCHTERN | aus FALTER 25/15 vom 17.06.2015

Dass Sängerinnen ihren großen Kolleginnen Tribute-Alben widmen, gehört zum guten Ton. Wenn dann auch noch ein 100. Geburtstag ansteht, kann sich das zum Würdigungszwang auswachsen, und diesem ist Cassandra Wilson erlegen. "I ain't good looking and my hair ain't curls" singt sie in "Billie's Blues". Ist natürlich totaler Quatsch: Wilson sieht super aus, hat Locken zum Saufüttern und eine tolle Stimme. Was sie mit dieser auf "Coming Forth By Day"(Sony) aufführt, ist indes reichlich uninspiriert. Wo Billie Holiday durch ihre idiosynkratische Phrasierung und Rhythmisierung Hochspannung auf kleinstem Raum erzeugt, löst Wilsons selbstgefälliges sonores Gehauche allenfalls einen narkoleptischen Anfall beim Hörer aus.

So wie Theo Bleckmann "Mack the Knife" singt, so hat man das tatsächlich noch nicht gehört: keine Rede von Moritat, alles Holzschnitthafte ist einer artifiziellen Intimität gewichen. Wenn das Julia Hülsmann Quartet sich auf "A Clear Midnight" (ECM) Kurt Weills annimmt, entwickelt die Musik ein sanftes Momentum, findet der Atem des Gesangs im Pneuma von Flügelhorn oder Saxofon seinen Widerhall. Nachdem die Stücke von Tonlage und Tempo recht ähnlich sind, werden einem die knapp 70 Minuten aber doch etwas lang.

Ausgesprochen kurzweilig und gewitzt sind hingegen die elf Stücke, die Thomas de Pourquery auf seinem Album "Supersonic Play Sun Ra" (Import) zu Gehör bringt. Der französische Saxofonist bietet mit seinem Ensemble, das heuer auch beim Jazzfestival Saalfelden auftreten wird, nicht nur astreinen Freefunk, sondern auch erstaunlich anrührenden Gesang, irgendwo zwischen Robert Wyatt und Scott Matthew. Der Spacejazz wird hier nicht nur auf Terra zurückgeholt, sondern klingt dort auf einmal so, als hätte Sun Ra Musik für einen Film von Jacques Demy geschrieben. Très charmant, très fantastique!


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