Nachrichten aus dem Inneren

Die Redaktion erklärt sich selbst

Falter & Meinung | Benedikt Narodoslawsky | aus FALTER 26/15 vom 24.06.2015

In der Herrengasse hängt der Duft von geschmolzenem Wachs in der Luft, er riecht süßlich und macht einem das Herz schwer. Menschen vor der Stadtpfarrkirche blicken traurig in ein Meer von Kerzenlichtern. Manche weinen, andere umarmen einander, auf der gegenüberliegenden Straßenseite halten Passanten inne. Ein offenbar psychisch kranker Mensch hat Graz am Samstag ins Unglück gestürzt. Drei Menschen sterben, eine Stadt weint.

Was für ein trauriger Anlass, die Grazer Redaktion zu besuchen. Donja Noormofidi machte sich nur wenige Minuten nach der Amokfahrt von Alen R. an die Arbeit und kam seither kaum zum Essen. Am Sonntag reiste Nina Brnada an, um sie bei der Recherche zu unterstützen. Fotograf J. J. Kucek hat die Orte der Tat und Graz im Ausnahmezustand festgehalten. Tiz Schaffer, unser Kulturbeauftragter aus der Steiermark, macht für die Kollegen Kaffee. Von Wien aus koordiniert Chefredakteur Florian Klenk die Arbeit, spätnachts feilt Raphael Moser noch am Layout.

Die Redaktion hat ihre Kräfte gebündelt, um über eine Tat zu berichten, bei der jedes Wort zu wenig und jedes Wort zu viel ist. Die Versuchung ist groß, Superlative des Horrors zu verwenden. Wir haben uns dagegen entschieden, so wie wir uns dagegen entschieden haben, Fotos von verzweifelten Menschen, intubierten Kindern und in Leinen gehüllte Leichen abzulichten. Graz steht unter Schock. Zurückhaltung ist für uns das Gebot der Stunde. Die Geschichte ist auch ohne Superlative und Horrorbilder kaum auszuhalten.


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