Vor 20 Jahren im Falter Wie wir wurden, was wir waren

Übermut

Falter & Meinung | AT | aus FALTER 26/15 vom 24.06.2015

Falter 26/1995 ist ein Denkmal des Übermuts. Auf Seite zwei findet sich eine Anzeige, die das Falter Text-Shirt No. 1 bewirbt. Als Model fungierte der Chefredakteur, Ihr Chronist. Das T-Shirt war in schlichtem Weiß gehalten und zeigte, in der Schlagzeilen-Typo der Kronen Zeitung gehalten, folgenden Text. Im Übrigen glaube ich, die Mediaprint muss zerschlagen werden. Die Abbildung war so gehalten, dass die verschränkten Arme des Models den Satz fast verdeckten; man konnte nur "Im übrigen glaube ich" lesen. Vielleicht war das der Tropfen, der das Fass in der Muthgasse, dem Sitz der Kronen Zeitung und der Mediaprint, überlaufen ließ. Man bereitete dort eine juristische Offensive gegen den Falter vor, von der wir allerdings -das war Teil des raffi nierten Plans -vorerst nichts erfahren sollten. Davon später in diesem Jahr umso mehr.

Zweites Dokument des Übermuts: Die "Nette Leit Show" von Kurt Palm und Hermes Phettberg war im ORF ein Riesenerfolg. Roland Koberg berichtete über die "erfolgreichste ,Kunststücke'-Produktion aller Zeiten"."Ich gehe durch die Straßen mit großem Triumph", erzählte Hermes Phettberg. "Die Leute winken mir zu. Autos bleiben stehen. Es ist das erste Mal, dass ich mir vorstellen kann, so zu leben: Verweile Augenblick, du bist so schön!"

Das Faust-Zitat bekam er nicht ganz korrekt hin, aber das Gefühl drückte er gut aus. Die Stadt und das Land lagen ihm zu Füßen. Hier war ein schlagfertiger, origineller, kluger Talkmaster, der mit den schwierigsten Gästen fertig wurde. Günter Nenning, selbst TV-Moderator, schleuderte er entgegen: "Reißen Sie mir nicht das Ruder aus der Hand, ich habe entsetzliche Fragen für Sie!"

Die Kraft ihrer Show bezogen Phettberg und Palm, so Kobergs Analyse, daraus, dass ihnen die TV-Show nicht das Wichtigste auf der Welt war. Palm sagte, seine Theaterproduktionen bedeuteten ihm mehr, und Hermes Phettberg behauptete, der Predigtdienst im Falter sei ihm wichtiger. Übereinander sagten die beiden: "Wir nutzen einander aus."


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