Buch der Stunde

Herrn Lohmer & Herrn Lottmann ist's eh wurscht

Feuilleton | SEBASTIAN FASTHUBER | aus FALTER 26/15 vom 24.06.2015

Joachim Lottmann ist ein Borderliner: Mit Vorliebe schreibt er über Dinge, die nahe an der Realität, aber dann doch erfunden sind. Besonders gern plaudert er Peinlichkeiten über Kolleginnen und Kollegen aus, die womöglich tatsächlich passiert sind, vielleicht aber auch nicht. Rainald Goetz hält ihn daher für "richtig böse", die meisten finden ihn einfach nur schräg. Lottmann ist der kauzige Onkel, für dessen Eskapaden man sich ein bisschen schämt, der aber auch eminent unterhaltsam sein kann. Außerdem stimmt gut geflunkert manchmal mehr als die reine Wahrheit.

Seitdem er in Wien lebt und über Begegnungen mit Thomas Glavinic, Angelika Hager oder dem Künstler Thomas Draschan erzählt, wird der Deutsche auch vom hiesigen Feuilleton verstärkt wahrgenommen. Im neuen Buch "Happy End" scheint auch sein Alter Ego Johannes Lohmer hier sein Glück gefunden zu haben. Zum ersten Mal in seinem Leben führt er mit einer Frau eine harmonische Beziehung und fühlt sich als Autor geschätzt, da ihm nach jahrzehntelanger Missachtung endlich ein Literaturpreis verliehen wird (der wirklich echte Lottmann gewann 2010 den Wolfgang-Koeppen-Preis).

Die Zufriedenheit ist freilich ein Hund. Lohmer hat nicht mehr das Gefühl, noch etwas schreiben zu müssen, sein Antrieb erlahmt. Um Geld zu verdienen, ist Publizieren jedoch unerlässlich, zudem gilt es, der Holden gegenüber Beschäftigung vorzutäuschen. Und so schreibt er, ohne jeden Anspruch, vor sich hin, was ihm durch den Kopf rauscht, weil: Es ist eh schon "alles ,wuascht'".

Über weite Strecken liest sich "Happy End" wie das Making-of eines richtigen Romans. Auf großartige Passagen, in denen Lohmer/Lottmann pseudo-feinsinnige Literatenprosa auseinandernimmt, die reihenweise Preise abstaubt, oder sich zum wiederholten Mal über Alt-Linke lustig macht, folgen Leerlauf, langweilige Reiseschilderungen und halblustige Schreibtischselbstgespräche. Dies ist ein Buch für Nachmittage am Strand: Man darf auch einmal ohne schlechtes Gewissen wegdösen.


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