Wieder gelesen Bücher, entstaubt

Mutterliebe? Ein Konstrukt

Politik | BT | aus FALTER 26/15 vom 24.06.2015

Bis in die 1970er-Jahre interessierte sich der Mainstream der Historiker kaum für das Alltagsleben der Vorfahren. Geschichte war Herrschaftsgeschichte: Monarchen, ihre Kriege, Berater und bestenfalls Amouren wurden erforscht. Dann setzte sich die "Annales"-Bewegung langsam durch. In ihr schlossen sich Historiker und Historikerinnen zusammen, die das Alltagsleben, die Gefühlswelt, das Beziehungsleben erforschen wollten. Sie suchten nach der "longue durée", Konstanten im Leben der Menschen. Die Philosophin und Soziologin Elisabeth Badinter verbindet diese Tradition mit einem feministischen Ansatz. Ihr Buch "Die Mutterliebe" ist wohl ihr bekanntestes, räumt es doch mit der Idee eines angeborenen Mutterinstinktes radikal auf. Anhand verschiedener Modelle von Mutterschaft im Laufe der letzten drei Jahrhunderte versucht Badinter nachzuzeichnen, wie sehr die Idee einer "guten Mutter" den jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnissen entsprang. Was wir heute als "Mutterliebe" verstehen, entstand erst Ende des 18. Jahrhunderts, gleichzeitig mit dem Ideal einer bürgerlichen Liebesheirat und der Entdeckung der Kindheit als eigenen Lebensabschnitts. Davor galten Kinder als unfertige Erwachsene, die man problemlos abschieben oder hart arbeiten lassen konnte.

Elisabeth Badinter: Die Mutterliebe. Die Geschichte eines Gefühls vom 17. Jahrhundert bis heute. Piper, 328 S., gebraucht ab € 15,-


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