Ins Mark Der Kommentar zur steirischen Woche

Graz sind wir alle

Steiermark | aus FALTER 27/15 vom 01.07.2015

Tiefgläubige und Atheistinnen. Unternehmer, Politiker und Flüchtlinge. Familien mit Kindern, Alte und Gruppen von Jugendlichen. Menschen im Rollstuhl, viele Zuwanderer: selten, dass ein dermaßen breiter Querschnitt der Bevölkerung gemeinsam für eine Sache auf die Straße geht. Beim Gedenkmarsch in Graz zu Ehren der Opfer der Amokfahrt ist genau das passiert. Zusammenhalt wurde an dem Tag nicht nur beschworen, viele Menschen empfanden ihn wirklich.

Eine Zeitung schrieb, es hätten "viele Mitbürger nichtösterreichischer Herkunft und Muslime ihre Solidarität mit Graz und den Grazern gezeigt. Ein schönes Signal." Das war wohl gar nicht böse gemeint, zeigt aber die noch immer verbreitete Unterscheidung in "wir" und "die anderen". Warum soll es Solidarität "mit den Grazern" sein, wenn Grazer (Muslime) auf die Straße gehen? Gerade die Amokfahrt hat überdeutlich vor Augen geführt, dass die Trennung in "richtige" und irgendwie nur halbe Bürger künstlich ist: Als der Rasende seine blutige Spur durch die Innenstadt mähte, kam als Erstes ein zugewanderter Muslim zu Tode - neben dem Grazer Bürgermeister, der selbst gerade noch entkommen war. Unter den Opfern waren außerdem die afghanischen Flüchtlinge, die zig Messerstiche abbekamen. Sie, die mutmaßliche Bettlerin, das Kleinkind: Es hätte jeder sein können, alle saßen im selben Boot.

Abgesehen vom FPÖ-Bundesobmann haben sich auch die Politiker angemessen verhalten. Nun geht es darum, das Bewusstsein des Gemeinsamen in den Alltag mitzunehmen und Spaltung und Hetze entgegenzuarbeiten. Das gilt für die Politiker, die das dieser Tage einforderten, und für uns alle.

Gerlinde Pölsler ist Redakteurin im Steiermark-Falter


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