Der paradoxe Konservative

Gerd Bacher machte als Generalintendant den ORF zu etwas, was er heute nicht mehr ist

Medien | Nachruf: Peter Huemer | aus FALTER 27/15 vom 01.07.2015


Foto: APA/Herbert Pfarrhofer

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Als Gerd Bacher 1967 der erste Generalintendant des ORF wurde, war er gerade ziemlich aus der Mode. An den Universitäten brodelte es, eine Revolte der Studenten begann, die wir heute als Kulturrevolution verstehen, in deren Verlauf das autoritär-patriarchalische System der Nachkriegszeit zertrümmert werden sollte – was teilweise auch gelang. Bachers oberste Tugenden: Ordnung, Struktur, Disziplin wurden als Sekundärtugenden verhöhnt, während in den Kinderläden diskutiert wurde, ob die Kleinen die Marmelade an die Wand schmieren dürfen und welchen Schaden ein diesbezügliches Verbot in zarten Kinderseelen anrichten könnte. Für Gerd Bacher war das eine fremde, unverständliche Welt, und er war dagegen.

Wir begegnen hier einer merkwürdigen Ungleichzeitigkeit: Der Mann, der in Österreich neben Bruno Kreisky zum bedeutendsten Modernisierer seiner Zeit werden sollte, passte entschieden nicht in den Zeitgeist. Dennoch ist es vermutlich kein Zufall, dass Kreisky und Bacher fast gleichzeitig an Schaltstellen der Macht kamen: Kreisky wurde am 1. Februar 1967 Parteivorsitzender der SPÖ und Bacher am 9. März Generalintendant des ORF. Das Land war reif für Veränderung. Aber vielleicht war gerade deswegen der Konflikt zwischen den beiden unvermeidbar, obwohl beide den Prinzipien der Aufklärung verpflichtet waren und obwohl Kreiskys Aufstieg zum Kanzler der Republik 1970 schwer vorstellbar ist ohne die vorangehende Öffnung des Landes, an welcher der neue ORF zentralen Anteil hatte. Bacher wollte den dann folgenden Konflikt mit Kreisky vermeiden, aber der wollte ihn.


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