Fragen Sie Frau Andrea

Deutsche, Griechen, Bartel und Most

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Kolumnen | aus FALTER 27/15 vom 01.07.2015

Liebe Frau Andrea,

in den letzten Tagen hat sich ja einiges zugespitzt, europamäßig, auch bei uns hier in meinem Freundeskreis. Wir sind in unseren Sympathien gespalten. Mein Freund und ich sind Griechenland-Fans und mögen Tsipras und Varoufakis. Die beiden Deutschen in unserer Fortgehrunde sind da ganz anders gepolt. Merkel werde den Griechen jetzt zeigen, wo Bartel den Most holt, sagen sie. Bitte was? Mit Funken letzter Hoffnung, Leon Oberhollenzer, Landstraße, per E-Mail

Lieber Leon,

nach landläufiger Meinung handelt es sich bei Bartel um einen gewissen Bartholomäus und bei seinem Holgut um vergorenen Apfeltrunk. Redewendungsgewandte Deutsche verwenden den Terminus gerne, um drastisches Erkenntnisgefälle darzustellen. In der Metaphorik des Bartel'schen Mostholens geht es um die normative Kraft des Möglichen und die Überlegenheit von Kenntnis.

Der Most muss gar nicht geholt werden, es genügt zu wissen (und zu zeigen), wo Bartel dies tut. Ihre Freunde aus dem Diskursrund haben die Redewendung richtig eingesetzt, vermutlich aber in Unkenntnis der sprachlichen Zusammenhänge. Unser Spruch kommt nicht aus christlichsozialem, süddeutsch geprägtem Gröschlezählerkreis, sondern aus dem Rotwelsch, der Sprache der Gauner und Bettler, und verwendet zwei Hebraismen, die aus dem Jiddischen entlehnt wurden und weder mit Apfelwein noch mit einem Herrn Bartel zu tun haben.

Most ist in unserer Wendung nicht vergorener Obstsaft, sondern Moos, das Geld, von der Mehrzahl des jiddischen moo (Pfennig). Bartel ist eine Verschleifung des jiddischen Wortes barsel (Eisen). Wenn der rotwelsche Barsel wusste, wo er das Moos holt, wusste das Brecheisen, wo das Geld lag. Diese alte Verbrecherweisheit ist als Redensart bereits im 17. Jahrhundert nachgewiesen.

Welches Brecheisen der ex-ostdeutschen Pastorentochter Merkel nun wiederum vorschwebt, um dem marxistischen Bauunternehmersöhnchen Tsipras zu zeigen, wo die Verhandlungssumme liegt, lässt sich momentan wegen galoppierender Ereignisabfolge nicht sagen. Dass Deutschland Griechenland mitteilen möchte, wo das Geld liegt, berechtigt immerhin zu sachter Hoffnung.


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