Selbstversuch

Es war gut, auch wenn's nicht gut war

Doris Knecht lauscht und ist glücklich

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 27/15 vom 01.07.2015

Es ist vollbracht, dankeschön. Schuljahr vorbei. Es wird in diesem Haus wieder laut gesungen, das hat eine Zeitlang, am Notenstress-Peak, schmerzlich gefehlt, statt dessen Druck, alle Tage, hast du das gelernt, hast du dies gemacht ... Ist man dafür Mutter geworden, dass man den armen Kindern alle Tage bis in die Nacht hinein zubisteigen und sie zu Sachen zwingen muss, die man selber nie gern gemacht hat und von deren Sinn man

bis heute nicht überzeugt ist? Es tut einem wirklich selber weh, immer wieder, und so sehr der laute Gesang bei der Arbeit stört, so froh und dankbar ist man, dass er jetzt allerweil wieder erklingt und zwei, drei Monate weiter erklingen wird. Alle Feste sind absolviert, die Tanzaufführung akklamiert, und es war schön, auch wenn es nie wieder so schön wird wie in dem einen Jahr, als die Sechsjährigen eine reizende Choreo zur Aufführung brachten, zu Beiruts "My Night with the Prostitute from Marseille".

Ein Schuljahr herum ist so gesehen viel einschneidender als nur ein Jahr herum, und auch viel mehr Grund zur Freude und zum Rückblicken. Man hat, man hat und man hat sogar. Man hat nicht und man hat nicht mehr, auch wenn's schwierig war und schmerzhaft, und man ist nicht wieder, und das war gut. Man hat jeden Tag die Betten gemacht oder fast jeden, und überhaupt war es ordentlicher als zuvor, auf eine gesunde Weise. (Bis vielleicht auf das eine Mal, als man vor der Haustüre umdrehte und mit dem Lift wieder hochgefahren ist, weil man vergessen hatte, die Betten zu machen. Das war vielleicht ein wenig, tja, zwänglerisch, auf die Weise, dass die Vorarlberger Mutter sehr stolz auf einen wäre und alle anderen zeigen einem den Vogel. Nun ja.) Also. Danke, es war gut.

Nein, es war sehr gut, auch wenn's nicht gut war. Denn auch wenn's nicht gut war, nicht mal wenn's gar nicht gut war, war's immer noch gut. Immer noch viel besser, als es sein könnte. Als es woanders ist, an den Orten, von denen die Menschen zu Millionen fliehen.

Neben all den erschreckenden Videos und Bildern war es komischerweise ein Satz in einem ganz anderen, völlig banalen Zusammenhang, der picken geblieben ist, weil er so deutlich sagt, wie es ist. Es ging, das war irgendein Frauenblog, um die sieben oder zehn Gründe, warum frau den inneren Schweinehund bekämpfen und jetzt sofort laufen gehen soll, und Nr. 3 war: Weil wir es können. Weil wir das dürfen. Während es im Jahr 2015 an so vielen Orten der Welt nicht selbstverständlich, sondern verboten und vollkommen undenkbar ist, dass eine Frau sich eine Lycrahose und ein enges Leiberl anzieht, sich die Laufschuhe zubindet und einfach losläuft, in den Wald, über die Wiese, die Straße lang. Und weil Frauen in so vielen anderen Ländern wirklich andere Probleme haben als ihre Fitness.

Es geht mir wie Freundin M. auf Facebook, die beschlossen hat, jetzt mal eine Zeitlang einfach nur dankbar zu sein, für das, was hier ist, "der pure Luxus, das alles", und ja, so ist es.


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