Enthusiasmuskolumne Diesmal: die besten Beeren der Welt der Woche

Säureexplosion mit süßem Nachgeschmack

Nicole Scheyerer | Feuilleton | aus FALTER 28/15 vom 08.07.2015

Ich liebe die Ribiseln schon für ihren einheimischen Namen. "Johannisbeeren" kommt mir nicht über die Lippen. Übrigens ist "Ribisel" keine Lautdichtung aus dem Dialekt, sondern stammt vom lateinischen Gattungsbegriff Ribes ab. Ihr bei unseren nördlichen Nachbarn gebräuchlicher Name geht auf den Johannistag (24. Juni) als Reifedatum zurück.

In meiner Kindheit lachten mich die roten Beeren oft durch einen fremden Zaun an. Ribiselstibitzen war ein Fest, zumal in den kurzen alpinen Sommern nur wenig anderes Obst als Beute reif wurde. Mich begeistert die Pracht an den Sträuchern! Vorsichtig eine Rispe abpflücken, dann eine Beere nach der anderen von der Traube naschen und die Kugerln auf der Zunge zerplatzen lassen. Die Säure explodiert und geht in eine herbe Süße über. An diese Geschmackssensation reicht für mich nicht einmal die Würze der Walderdbeere heran.

Ribisel stehen für Sommerbeginn, Ferienzeit und Streifzüge durch den Garten. Auch die Konditoreikette Aida bietet die Köstlichkeit ihrer weiß-rotweißen Ribiselschaumschnitte nur saisonal an. Ich bete dafür, dass kein südamerikanischer Agrarkonzern je auf die Idee kommen wird, uns die Vitamin-C-Bomben bereits im Advent in die Supermärkte zu liefern. Die Oberösterreicher schätzen die Beeren offenbar besonders. Was wären ihre Linzer Torte, was ihre Linzer Augen ohne Ribiselmarmelade? Ich bin dagegen, sie vorher durch ein Sieb zu passieren. Die Kritik an in den Zähnen verfangenen Körnern ist ja wohl lächerlich. Ohne die Textur ihrer Samen wären Ribisel nur halb so gut.

Auch Ribiselwein lasse ich nicht als Einwand gegen diese Früchte gelten. All die picksüßen Dessertweine, die mir schon als edle Tropfen kredenzt wurden, hätte ich sofort gegen ein Gläschen des Oma-Lasters eingetauscht.


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