Mediaforschung Verführungskolumne

Interaktive Werbung: Schau sie an, sonst bleiben ihr Blessuren!

Medien | Benedikt Narodoslawsky | aus FALTER 28/15 vom 08.07.2015

Vergangene Woche gab die Gattin des mutmaßlichen Grazer Amokfahrers Alen R. in der ORF-Magazinsendung "Thema" ein Exklusivinterview, sie sprach darin vor allem über ihr Eheleben. Alen R. habe sie nach der Hochzeit eingesperrt und schwer misshandelt. Selbst als sie schwanger war, habe er sie noch getreten und geschlagen. Ihre Schwiegereltern, die gemeinsam mit den beiden im Haus lebten, hätten einfach dabei zugeschaut, erzählt das Opfer. Häusliche Gewalt ist noch immer ein Tabu.

In der Woche nach der Amokfahrt in Graz zeichnete die Kreativbranche in Cannes die besten Werbungen aus. In der Kategorie Außenwerbung gewann die Kampagne der britischen NGO Women's Aid die höchste Auszeichnung, den Goldenen Löwen. Die Werbung machte in London mit ausgefeilter Technik auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam. "Schau mich an" steht links neben dem Bild einer Frau, dunkelblaue Flecken im Gesicht, getrocknetes Blut unter der Nase. Rechts daneben der Satz: "Wir können es beenden."

Wer an der digitalen Leinwand vorbeispaziert, bekommt eine SMS mit Spendenaufruf. Über der Werbung ist eine Kamera mit Gesichtserkennung installiert. Sie registriert, wie viele Menschen sich dem Sujet zuwenden. Je mehr Menschen es sind, desto mehr Blessuren verschwinden aus dem Gesicht der Frau. Die Betrachter der Leinwand werden gefilmt und werden unter dem Sujet eingeblendet.

Was für eine gruselige Technik! Als ob das Thema an sich nicht schon schockierend genug wäre.


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