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Politik | Marianne Schreck | aus FALTER 28/15 vom 08.07.2015

Jünger als Lebensziel

Während der ersten Begegnung zwischen dem Journalisten und Interviewspezialisten André Müller und dem Autor Ernst Jünger im November 1989 starb die malaysische Riesenheuschrecke des begeisterten Entomologen. Sie befand sich in einem Terrarium gleich neben dem Schreibtisch des berühmten, von jeher umstrittenen Schriftstellers. Jünger kommentierte ihren Tod mit der ironischen Frage: "Ich hoffe, Herr Müller, dieser Vorfall ist nicht auf Ihre Gegenwart zurückzuführen."

Die anfängliche Skepsis Jüngers verflog aber schnell, als er feststellte, dass ihn die intensiven, insgesamt fünf Gespräche zwischen 1989 und 1993 nicht nur auf den ihm anhängenden faschistischen Mief reduzierten. Wegen seiner Begeisterung für den Krieg gilt Jünger als einer der intellektuellen Väter der "neuen Rechten", wie sie sich heute in Form der "Identitären" zeigt. Als einer seiner größten Bewunderer galt der rechtsextreme Theoretiker Dominique Venner, der sich 2013 in der Kathedrale Notre-Dame de Paris in aller Öffentlichkeit erschoss. Die Gespräche sind sehr assoziativ angelegt und reichen von der "verhängnisvollen Gestalt Hitler" bis hin zu unglaublich zynischen Passagen über die Reduktion der Menschheit. Die von Hintergrundtexten begleiteten Dialoge rekonstruieren diese merkwürdigen Begegnungen, die Müller mit einigem Pathos als erklärtes Lebensziel formulierte.

Ernst Jünger, André Müller: Gespräche über Schmerz, Tod und Verzweiflung. Böhlau, 168 S., € 25,60


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