Fotografie Vernissage

Bilderfischen in den Schluchten New Yorks

NS | Lexikon | aus FALTER 28/15 vom 08.07.2015

Nach 9/11 war er der einzige Fotograf, der offiziell die Aufräumarbeiten auf dem Ground Zero festhalten durfte: Joel Meyerowitz gab 1962 seinen gut bezahlten Job in der Werbebranche auf, um sich ganz der Arbeit mit der Kamera widmen zu können. Heute zählt er zu den Pionieren, die als Erste die künstlerischen Qualitäten der Farbfotografie zu schätzen wussten, und als Mitbegründer des Genres Street-Photography. Jetzt widmet das Kunst Haus Wien dem viel zu wenig bekannten US-Fotografen eine Retrospektive, in der 250 seiner besten Bilder zu sehen sein werden.

Bei einem Fotoshooting, bei dem der einflussreiche Robert Frank New Yorker Jugendliche ablichtete, erkannte Meyerowitz die Macht der Fotografie. In den 1960er-und 70er-Jahren hing er wie viele seiner Kollegen viel auf dem Asphalt Manhattans herum und schuf das Porträt einer Epoche, deren Stil zuletzt durch die TV-Serie "Mad Men" Furore machte. Mit Ende 20 kaufte sich Meyerowitz einen Volvo und fuhr quer durch Europa. Die SW-Bildserien wurden unter dem Titel "From a Moving Car" publiziert. Zurück in Amerika fing er die Lichtstimmungen auf der Insel Cape Cod mit der Plattenkamera ein und erntete dafür viel Anerkennung. Für den 1990 erschienenen Band "Red Heads" schuf Meyerowitz sensible Porträts von sommersprossigen Rothaarigen.

Auch mit bald 80 Jahren greift der heute in der Toskana lebende Fotograf noch täglich zu seiner Kamera. Er bezeichnete sich selbst einmal als "Fischer im Strom der Fifth Avenue". Sein Gespür für Momente und Bildausschnitte, die Dynamik vermitteln, kommt in seinen Aufnahmen von der Straße am besten zur Geltung. In Meyerowitz' hochästhetischen Straßenbildern geht es nicht um die Abgründe der US-Gesellschaft, sondern eher um zarte Bezüge und um das Rätselhafte, das sich dem Blick entzieht.

Kunst Haus Wien, Do 19.00; bis 1.11.


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