Menschen

Falters Zoo | Sebastian Fasthuber, Christopher Wurmdobler | aus FALTER 28/15 vom 08.07.2015

... durch die Nacht

Im Volkstheater gibt es ausschließlich Stehplätze. Allerdings nur im Moment, denn mit der neuen Intendantin Anna Badora kommt im Herbst auch eine neue Zuschauertribüne mit neuer Bestuhlung; schon einmal gar keine so schlechte Idee. Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny legte vergangene Woche selbst Hand an und montierte gemeinsam mit Frau Badora einen Sessel ab. Okay, die Schufterei war vor allem Pose für den Fotografen. Aber das "So tun als ob" gehört im Theater schließlich zum System. Sie wolle dem Publikum "von Anfang an bestmöglichen Komfort bieten können", sprach die Direktorin und schraubte mit dem Kulturstadtrat weiter an ihren Sesseln.

Als wir letzte Woche in den Falter reingeschrieben haben, dass das Ulrich am Neubauer St.-Ulrichs-Platz einen der schönsten Schanigärten der Stadt habe, wussten wir ja gar nicht, dass Ulrich-Wirt Gerald Bayer ein paar Tage später tatsächlich von der Wirtschaftskammer und Spartenobmann Markus Grießler den "Goldenen Schani" für seinen Gastgarten überreicht bekommt. Und natürlich beeinflusst so eine Erwähnung in unserer Lieblingszeitung auch nicht irgendwelche Entscheidungen. Schließlich hat das Marina am Handelskai in der Kategorie "im Grünen" auch einen Schani gewonnen. Karl Regensburger, Direktor des Festivals Impulstanz, wurde an besagtem Abend übrigens ebenfalls von der Wirtschaftskammer geehrt: mit der "Goldenen Jetti". Nicht, dass Impulstanz auch noch einen Gastgarten hätte. Den Branchenpreis gibt's für Institutionen, welche "die Lebensqualität in Wien wesentlich und nachhaltig bereichern". Glückwunsch. Ab nächster Woche wird wieder tanzmäßig bereichert.

Miss Perfect Helene Fischer war da und discoschlagerrockte zwei Mal hintereinander das Happel-Stadion. 85.000 Fans können nicht irren? Zumindest konnten sie sich gegen die von der Sängerin mit professioneller Freundlichkeit, aber nicht ranschmeißerisch dargebotene Mischung aus allem, was im Musik-und Entertainmentbereich in den letzten 40 Jahren Massenappeal hatte, nicht erwehren. Es kamen: wummernde Discobeats, Regionalradio-Melodien über das kleine Glück (das eigentlich das große ist!), angedeutete Gitarrensoli, ein bisschen russische Seele, grausame Musical-Choreografien sowie ein paar nette Kurz-Covers von Pop- und Rockklassikern. Zweieinhalb Stunden war Frau Fischer permanent in Bewegung; überraschenderweise ohne dabei außer Atem zu geraten. Ah ja: "Atemlos" spielte sie ganz zum Schluss. Danach ging sie zum Würstelstand hinter der Staatsoper feiern - Käsekrainer, scharfer Senf, Bier und, okay, auch Prosecco.

Im wunderschönen Ottakring präsentierte Falter-Kollegin Nina Horaczek das Buch, das sie gemeinsam mit Sebastian Wiese geschrieben hat. Eine kleine Vorpremiere, groß wird "Gegen Vorurteile" (Czernin Verlag) dann im Herbst präsentiert. Weshalb man sich dafür Franziska Schweizers Kinderbuchhandlung Pippilotta ausgesucht hat? Weil sich das Handbuch gegen Vorurteile an Jugendliche richtet. Erwachsene sollten es aber auch verstehen.

Ach, und Jazz Fest ist ja auch noch. Zum Beispiel in der Staatsoper, wo Kapazunder wie Chilly Gonzales spielten, der sich die Finger am Piano fast blutig klopfte. Oder Pop-Mann Rufus Wainwright, der einen Abend mit der coolsten Opernsängerin der Welt, Angelika Kirchschlager, bestritt. Jazznummern, Weil-Songs, Schubert, Standards, Musical: "Ich wette, Elisabeth Schwarzkopf dreht sich gerade im Grabe um", meinte Wainwright zwar ob des bunten Abends. Wahrscheinlich hätte es dem Opernstar gefallen.

E-Mail an den Zoo: zoo@falter.at


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