"Klassenfahrt mit Gleichgesinnten"

Festspiele Gutenstein: Julian Loidl spielt Raimunds "Barometermacher auf der Zauberinsel"

Lexikon | Interview: Sara Schausberger | aus FALTER 28/15 vom 08.07.2015


Foto: Claudia Prieler

Foto: Claudia Prieler

Auch heuer steht bei den Festspielen in Gutenstein wieder Ferdinand Raimund auf dem Programm. Regie beim Alt-Wiener Volksstück „Der Barometermacher auf der Zauberinsel“ führt Erwin Piplits, der Leiter und Mitbegründer des Serapions Ensembles. Der Wiener Schauspieler Julian Loidl (34) verkörpert Bartholomäus Quecksilber, den das Schicksal auf eine Zauberinsel verschlägt, wo er von einer Fee drei Zaubergaben geschenkt bekommt. Gespielt wird im wetterfesten Theaterzelt.

Falter: Herr Loidl, mögen Sie keine Sommerurlaube?

Julian Loidl: Es ist jedes Jahr das Gleiche: Ich überlege, Urlaub zu machen, aber dann kommt es immer anders. In den letzten Jahren habe ich bei den Sommerspielen in Melk, in Leogang und im Wiener Lustspielhaus meine Sommermonate verbracht. Davor gab es einmal so etwas wie Urlaub, aber das ist lange her. Aber Sommertheater hat ja auch was Schönes.

Geht man sich nicht auf die Nerven, wenn man wochenlang irgendwo auf dem Land zusammen lebt und arbeitet?

Loidl: Niemand will sich im Sommer in einer Tragödie suhlen und wälzen, wie man es vielleicht unterm Jahr gerne einmal tut. Im Sommer ist die einzige Tragödie, was ich jeden Tag in den Nachrichten sehe. Und wenn jeder im Team mit der Einstellung ins Projekt hineingeht, dass man sich eine schöne Zeit machen und sie interessant gestalten will, ist das ein bisschen wie Urlaub oder wie eine Klassenfahrt mit Gleichgesinnten. Es ist außerdem ein entschleunigter Prozess, alles passiert viel langsamer. Auch das ist ein angenehmer Aspekt daran.

Liegt Ihnen als Wiener die Hauptrolle in einem Alt-Wiener Volksstück besonders?

Loidl: Obwohl ich eine waschechte Wiener Haut bin, habe ich davor noch nie Raimund oder Nestroy gespielt. Es war irre spannend zu sehen, wie ich selber an der Sprache gescheitert bin, an Ausdrücken, deren Bedeutung man schon vergessen hat. Da zeigt sich auch, wie die Sprache vor die Hunde geht, wie durch das deutsche Fernsehen und die ganzen Anglizismen die Wiener Sprache nicht mehr gepflegt wird. Umso wichtiger erscheint es mir, dass man diese Autoren spielt.

Wer ist dieser Barometermacher, den Sie spielen?

Loidl: Bartholomäus Quecksilber ist ein liebreizender kleiner Tollpatsch, den ein Irrtum heimsucht. Er muss seine Geschäfte abbrechen und übers Meer in die weite Welt hinaus, was ein Wiener ja bekanntlich überhaupt nicht gern hat. Und weil er so ein Unglück hat, erleidet er auch noch Schiffbruch und gelangt auf eine Zauberinsel. Dort wird er von Feen überrascht, die ihm drei Gaben schenken: ein Staberl, das alles in Gold verwandelt, eine Schärpe, mit der er sich überall hin wünschen kann, und ein Hörndl, das eine Armee herbeiruft.

Klingt, als würde alles gut werden.

Loidl: Ja, aber er macht gleich alles falsch. Er trumpft auf, verwandelt sein ganzes Gewand in Gold und geht als fescher Kampel zur Prinzessin, um bei ihr Eindruck zu schinden. Er lässt sich durch ihre Schönheit und Durchtriebenheit täuschen und fällt immer wieder auf ihre Schmähs rein, mit denen sie ihm alle seine Zaubergaben abluchst. Zum Schluss erkennt er aber, dass man das alles zum Glück nicht braucht, und verlobt sich mit dem Stubenmädchen, das immer zu ihm gehalten hat.

Ein schönes Sommermärchen also?

Loidl: Das alles ist nicht wortwörtlich zu verstehen. Genauso wie Nestroy hat Raimund mit seinen Stücken viele Missstände aufgezeigt. Während Nestroy aber eher direkt mit dem Arsch ins Gesicht gefahren ist, hat Raimund das Ganze in eine Märchenwelt eingebettet, um die Zensur zu umgehen. Der Wunsch nach Macht und die Ungerechtigkeiten in einer Gesellschaft ziehen sich als Themen durch das gesamte Stück. Die Erkenntnis ist: Man braucht keinen Reichtum, und man braucht keinen Krieg, um diesen Reichtum zu erlangen oder zu verteidigen. Im Stück wird das nicht an die große Glocke gehängt, sondern sehr verzaubert gezeigt. Irrtümlicherweise wird der „Barometermacher“ aber immer wieder zuckerlrosa inszeniert.

Wie ist das Regiekonzept von Erwin Piplits?

Loidl: Die Mitglieder des Serapions Ensembles repräsentieren die Feenwelt, verwandeln sich in Soldaten und übernehmen kleinere Rollen. Die größeren Rollen wie den Barometermacher hat er mit Schauspielern besetzt, mit denen er davor noch nie gearbeitet hatte. Die Kostüme stammen aus dem Fundus von seiner verstorbenen Lebens- und Arbeitspartnerin Ulrike Kaufmann, die sind in sich schon sehr verzaubert. Durch kleine Änderungen in der Sprache wird eine gewisse Modernität und Zeitlosigkeit erreicht. Insgesamt trägt die Arbeit eine ziemliche Seele in sich. Ja, „beseelt“ ist ein schönes Wort dafür.

Theaterzelt am Festspielplatz, 16.7. bis 9.8, jeden Freitag und Samstag um 20 Uhr und jeden Sonntag um 18 Uhr. Information:

www.festspielegutenstein.at


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