"Brav hat uns nicht interessiert"

Was bringt das sechste Popfest Wien? Die Kuratorin und der Kurator geben Auskunft

Lexikon | INTERVIEW: GERHARD STÖGER | aus FALTER 30/15 vom 22.07.2015


Foto: Clemens Schneider

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Ihre Musikleidenschaft stellen sie schon mit der T-Shirt-Wahl zur Schau: Stefan Trischlers Brust ziert der Jazzpianist Thelonious Monk, auf Susanne Kirchmayrs Leibchen prangt in großen Lettern der Techno-Slogan „Rave is the new riot“. Trischler alias Trishes ist FM4-Redakteur, Hip-Hop-Produzent und DJ, Kirchmayr alias Electric Indigo Elektronik-Produzentin, DJ, Komponistin und Initiatorin des feministischen Netzwerks female:pressure.

Gemeinsam haben die beiden das sechste Popfest Wien kuratiert, das von 23. bis 26. Juli wieder dutzende heimische Acts der Marke „Pop mit Anspruch“ bei freiem Eintritt auf der Bühne vor der Karlskirche und in umliegenden Locations präsentiert – von alten Hasen wie Attwenger und Fennesz über etablierte Acts einer jüngeren Generation, etwa Clara Luzia, Dorian Concept und 5/8erl in Ehr’n, bis zu Newcomern à la Leyya, Kimyan Law und Crack Ignaz.

Falter: Frau Kirchmayr, wie passen Sie als Techno-Expertin mit Nähe zur Neuen Musik zum Popfest Wien?

Susanne Kirchmayr: Das habe ich mich auch gefragt, da ich mich in der hiesigen Indiepopszene nur bedingt auskenne. Meine Bedenken wurden aber sofort entkräftet. Gerade dieser mehr oder weniger frische Blick von außen wäre durchaus hilfreich, hieß es. Und dann zeigte auch gleich das erste Gespräch, dass Stefan und ich inhaltlich sehr ähnliche Vorstellungen haben.

Stefan Trischler: Der Elektronik-Musiker Fennesz stand etwa bei uns beiden ganz oben auf der Programm-Wunschliste.

Kirchmayr: Mir war auch der Diversitätsaspekt wichtig, die Gender-Balance sozusagen, und ich habe gemerkt, dass ich damit offene Türen einrenne.

Beim Popfest muss man also nicht um die Quote kämpfen?

Kirchmayr: Nein, da sind alle voll dahinter. Nicht nur beim Geschlechterverhältnis, sondern überhaupt, was die Buntheit des Programms betrifft.

Trischler: Das Popfest sollte repräsentieren, was Österreich heute ist – soweit es uns musikalisch gefällt.

Was gefällt Ihnen?

Trischler: Unser Programm legt einen Fokus auf unbekannte Bands und neue Namen. Wer schon beim Popfest gespielt hat, ist nur dann wieder zu sehen, wenn es etwas Neues zu präsentieren gibt. Ein wichtiger gemeinsamer Nenner ist der Faktor Sound, wobei es uns vor allem um eine eigene Klangästhetik geht, egal, ob das jetzt räudiger Punk oder elektronische Frickelei ist. Ausgeborgt oder brav und abgeschliffen, das hat uns nicht interessiert.

Hi-Fi-Freaks sind Sie aber keine, oder?

Trischler: Nein, ganz im Gegenteil. Beim Popfest spielen auch Bands, die objektiv betrachtet eine sehr krachige Soundästhetik haben und Besitzer teurer Stereoanlagen wohl das Fürchten lehren würden. Wir hingegen finden sie speziell und schlüssig.

Kirchmayr: Image ist natürlich auch immer wichtig. Dadurch wird eine Haltung transportiert, und diese Haltung ist für uns ebenfalls ein Kriterium. Die gesamte Do-it-yourself-Ästhetik etwa, die ja auch politisch gefärbt ist. Bei der Programmerstellung geht es auch um die Frage, wer wann wo spielt. Man würfelt nicht einfach die leiwandsten Sachen zusammen, sondern man bemüht sich um eine stimmige Abfolge und darum, die Acts an einem guten Platz unterzubringen, wo sie auch reüssieren können. Elektroakustik oder Frickelelektronik auf der Seebühne würde es einfach nicht bringen.

Die Popstadt Wien ist dank Bilderbuch und Wanda gerade in aller Munde. Warum fehlen genau diese Bands auch heuer wieder beim Popfest?

Kirchmayr: Wir haben beide angefragt, aber sie hatten keine Zeit. Es hat also ganz praktische Gründe. Bilderbuch und Wanda sind dank ihrer Popularität viel auf Tour …

Trischler: … und daher ohnedies bei diversen Festivals kommerzieller Natur zu sehen. Mittlerweile auch als Headliner, was wir großartig finden. Wir haben anfangs damit gehadert, dass es mit Bilderbuch und Wanda nicht klappt, aber in Wirklichkeit brauchen sie das Popfest nicht. Umgekehrt hätten wir es schön gefunden, sie im Programm zu haben. Unbedingt notwendig ist es aber nicht, weil es uns ja darum geht, die große Vielfalt darzustellen. Wenn man so will, auch die große Vielfalt hinter Wanda und Bilderbuch. Ich hoffe, ihre Abwesenheit überschattet nicht die Tatsache, wie viel Tolles es beim Popfest zu sehen gibt.

Wie lässt sich all die Musik, die da zu sehen sein wird, begrifflich auf einen Nenner bringen?

Kirchmayr: Gar nicht, weil sie so extrem unterschiedlich ist.

Trischler: Man kann noch nicht einmal alles „Pop“ nennen, was beim Popfest passiert. Super weitläufig zusammengefasst würde ich sagen: Beim Popfest gibt es frische österreichische Musik zu hören, die aber nicht unbedingt auf Österreich fokussiert ist, sondern nach außen strahlt und halt zufällig aus diesem Land kommt.

Karlsplatz, 23. bis 26.7.

Information: www.popfest.at


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