Ohren auf Aus lokalem Anbau

Ein 120-Kilo-Mann, der anmutig tanzen kann

Feuilleton | GERHARD STÖGER | aus FALTER 30/15 vom 22.07.2015

Dekonstruktion? Klingt anstrengend. Nicht so beim Kärntner Musiker Michael Wedenig und seinem Album "Stadt Land Fuzz"(Keto). Kontemplatives Gitarrenspiel verbindet er mit Fieldrecordings und dezenter Elektronik zu kunstvoller und gleichzeitig doch relaxt dahinfließender Instrumentalmusik, bestens geeignet als Soundtrack für Rückzugsmomente an zu heißen Sommertagen. Originale kombiniert Wedenig mit Stücken aus der traditionellen Volksmusik -"Is schon still uman See" etwa -, wobei letztlich aber kein Unterschied zwischen Eigen-und Fremdmaterial erkennbar ist. So entspannt kann Denkermusik klingen!

Auch Demi Broxa dekonstruieren auf "Zakeri" (Listen Closely) munter drauflos. Das Duo besteht aus der auf abstrakte Vokalmusik spezialisierten Stimmkünstlerin Agnes Hvizdalek und dem Bassisten und Elektroniker Jakob Schneidewind, den man als Teil des Wiener Gitarre-Bass-Schlagzeug-spielt-Techno-Trios Elektro Guzzi kennt. Die beiden laden zum lustigen Geräuschquellenraten, setzen sie doch weder die Stimme noch den Bass konventionell ein. Acht ganz unterschiedlich dimensionierte Einheiten mischen Klangarchitektur, Ambient, Electronica in der Neue-Musik-Version (oder umgekehrt), Flimmern und Flirren, Studien in unterschwellig aggressiver Atmosphäre und Unplugged-Industrial, der zu Techno mutiert. Irgendwann sagen einander gar Wal und Delfin kurz "hallo". Kein leichter, aber spannender Stoff.

Ungleich konventioneller tönt das austro-amerikanische Quartett Lehnen auf seinem vierten Album "Reaching over Ice and Waves" (Noise Appeal). Hier geht es um atmosphärisch-dichten (Post-)Rock, der schwer, gleichzeitig aber durchaus beweglich ist -fast wie ein 120-Kilo-Mann, der anmutig tanzen kann. Zurückhaltend können Lehnen auch, wobei flächig-ruhigen Passagen konsequent Momente des Anschwellens und Schleusenöffnens folgen.


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