Mediaforschung Verführungskolumne

Sprechende Werbung: Grüezi vom Großvater aus Graubünden

Medien | BENEDIKT NARODOSLAWSKY | aus FALTER 30/15 vom 22.07.2015

Züricher Bahnhofshalle, geschäftige Menschen laufen an der digitalen Werbefläche vorbei. Sie ist nicht wahnsinnig spektakulär: Man sieht einen ergrauten Schweizer auf einer blühenden Almwiese, dahinter angezuckerte Bergkulisse. Das Tourismusklischeebild erinnert an den Großvater von Heidi, dem Kinderbuch-Alpenmädchen. Und wie Heidis Opa sitzt auch der ergraute Schweizer im Kanton Graubünden. Das kann man vom Screen ablesen: "Schöne Grüße aus dem Bündnerland", steht da, dazu das Logo der Marketingfirma "Graubünden Ferien" samt Steinbock.

Doch plötzlich beginnt der Leinwand-Großvater zu sprechen. "Gutn Morga", ruft er den Passanten in Zürich zu. Als die Leute erschrecken, verwickelt sie Opi in ein Gespräch. Ein Passant beginnt zu jodeln, Großvater jodelt zurück. Und druckt ihnen ein Ticket nach Graubünden aus, das unter der Leinwand ausgespuckt wird. "Das isch nua gültig hüt." Spätestens jetzt ist klar, dass alles live ist. Opa sieht, was vor dem Bildschirm in Zürich passiert, die Passanten sehen ihn in den Alpen hocken. Die eigentliche Werbung ist die Dokumentation der Aktion, sie verbreitet sich gerade viral im Netz. Das Youtube-Video (http://bit.ly/grauspot) zählt nach drei Wochen eine Viertelmillion Klicks.

Es endet so: Passanten, die gerade noch in Zürich waren, treffen den Opa auf der Blumenwiese. Sie umarmen ihn -schließlich hat er ihnen ein Ticket gesponsert -und winken mit ihm von den Bergen in die Bahnhofshalle hinein. Alpenkitsch, wohlig warm wie frischgemolkene Milch.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige