Trank Caveman Espresso?

Ein neues Minilokal kocht Steinzeit-Diät. Also mehr oder weniger

Stadtleben | LOKALKRITIK: FLORIAN HOLZER | aus FALTER 32/15 vom 05.08.2015


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Die Paläo-Diät wurde in den 1970ern initiiert. Die Idee dahinter war und ist die Annahme, dass sich die Menschheit etwa zwei Millionen Jahre hindurch von Fleisch, Fisch, Obst, Gemüse, Kräutern, Pilzen und Nüssen (und Insekten) ernährte und die vergangenen 10.000 Jahre auf jeden Fall viel zu kurz waren, um sich an Getreide und Milch zu gewöhnen, was zu Zivilisationskrankheiten führte.

Die Wissenschaft stimmt dieser These eher nicht so zu, erstens, weil es keine einheitliche Steinzeitkost gab, und zweitens, weil man über den Gesundheitszustand von Steinzeitmenschen auch relativ wenig weiß. Was der Vergrößerung der Paläo-Fangemeinde aber nicht abträglich war und ist, Empirie und Religion spielten schließlich noch nie im selben Team.

Immobilien-Unternehmer Markus Obleser-Dietrich und seine Frau stießen jedenfalls vor geraumer Zeit auf ein Paläo-Kochbuch, stellten ihre Ernährung um, verloren Gewicht und fühlten sich von da an ausgeglichen und voller Energie. So viel Energie, dass man ein Paläo-Konzept entwickelte und ein belgisches Bonbonnieren-Geschäft in der Nelkengasse übernahm, um es zum Steinzeitlokal zu machen.

Was man vorausschicken sollte: Nein, man trägt hier keine Felle, das Lokal ist auch keine Höhle, gekocht wird nicht über offenem Feuer. Markus Obleser-Dietrich und seine Mitarbeiter putzen sich wohl auch die Zähne und pflegen generell einen zeitgemäßen Lebensstil. Im Endeffekt ist das Von Walden einfach ein kleiner Shop mit ein bisschen Küche, die auf Weizen, Milch und Zucker entweder verzichtet (was ja okay wäre) oder sie aufwendig substituiert (was die Sache dann immer fragwürdig erscheinen lässt).

Wer nach Paläo-Diät lebt, aber Lust auf Süßes hat, findet hier Honigprodukte, getrocknete Ananas-Chips und Kokosblütenzucker. Es gibt Müslis, Fruchtsäfte, Mandelcremes, eingekochtes Gemüse, zubereitet werden täglich glutenfreie Sandwiches mit Truthahn- oder Pulled-Pork-Füllung, worüber sich der Steinzeitmensch wahrscheinlich ziemlich gewundert hätte, ein vegetarisches und ein Rindfleisch-Curry. Dessen Hauptzutat stammt vom BOA-Hof, einem der besten Rinderzüchter des Landes, das Curry ist auch wirklich gut (€ 8,–). Auch der Espresso gelingt erstklassig, auf eine Debatte über dessen Steinzeit-Tauglichkeit will sich Markus Obleser-Dietrich aber gar nicht einlassen, sein nächstes Projekt sei ohnehin ein saisonal-regionales, sagt er (wo es mit dem Kaffee dann aber auch schwer werden dürfte).

Schade, warum macht nicht mal wer ein echtes Steinzeitlokal auf? Mit ausschließlich gejagtem, über offenem Feuer oder auf heißen Steinen gebratenem Fleisch und Fisch, wild gesammelten Früchten, Kräutern, Pilzen, Getreiden und Gemüsen. Ohne Salz und ohne Pfeffer, aber dafür mit Insekten. Würde eher sicher kein Trend werden, wäre damit sehr sympathisch.

Resümee:

Ein hübsches, kleines Lokal, das die hippe Steinzeit-Diät anbietet, die aber ungefähr so steinzeitlich ist wie Barney Geröllheimer.

Von Walden
6., Nelkeng. 8
Tel. 01/925 80 67
Mo–Fr 10–18, Sa 10–17 Uhr
www.vonwalden.at


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