Enthusiasmuskolumne Diesmal: Die beste Fotografin der Welt der Woche

Bei Adolf Hitler in der Badewanne

Feuilleton | MATTHIAS DUSINI | aus FALTER 32/15 vom 05.08.2015

München, am 30. April 1945. Die amerikanische Fotografin Lee Miller besucht an dem Tag, an dem Adolf Hitler in Berlin Selbstmord begeht, dessen Münchner Wohnung. Sie steigt in die Badewanne des Führers und lässt sich von ihrem Kollegen David Scherman fotografieren.

Es ist ein Bild von verstörender Normalität: die modernen Fliesen, die nackte Frau, das Porträt des Diktators am Wannenrand, die klobigen Militärstiefel auf dem Badvorleger. Die damals 38-jährige Kriegsreporterin drang mit dem Bild in das symbolische Zentrum der totalen Herrschaft vor. Vom Glanz des "Tausendjährigen Reiches" bleibt der schmutzige Rand einer Badewanne. "Lee Miller in Hitlers Badewanne" ist bis 16. August in einer sehenswerten Ausstellung der Albertina zu sehen. Sie zeigt eine außergewöhnliche Künstlerin, deren Karriere in den 1920er-Jahren in Paris begann. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Man Ray experimentierte sie in der Dunkelkammer und suchte überraschende Bildmotive. So fotografierte sie eine Hand hinter einer zerkratzten Fensterscheibe, was aussieht, als würden die Finger explodieren.

Was soll man mehr bewundern? Millers Durchsetzungsvermögen in der von Alphatieren beherrschten Surrealistenszene? Oder ihren Mut als Kriegsreporterin? Die Künstlerin war eine außergewöhnliche Schönheit, die ihren Kollegen Modell saß, ohne die Kontrolle über ihr Image aus der Hand zu geben. Miller war eine Chirurgin des Sehsinns, die Aktbilder so verfremdete, bis sich Laszivität in coole Geometrie verwandelte.

Als dann die Grauen der Konzentrationslager, der Anblick der Leichenberge und der gelynchten Mörder auf sie zukamen, halfen ihr die Lektionen in der Schule der Avantgarde: denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige