Tiere

Toter Kopf

Falters Zoo | aus FALTER 32/15 vom 05.08.2015


Der Sommer ist nicht nur eine heiße, sondern vor allem eine kontemplative Periode, in der man endlich die nötige Zeit hat, wesentliche Fragen der Lebensführung zu bedenken. Manche dieser Denkaufgaben sind schneller zu lösen („Soll ich noch ein Bier trinken?“), andere wollen wohlüberlegt sein („Achselhaare wachsen lassen und färben?“). Besonders schwer wird es, wenn man Fotos in seiner Mailbox durchsieht und sich fragen muss: Darf ich ohne mein sorgsam aufgebautes Image als Damit-kann-man-mich-nicht-beeindrucken-Zoologen angesichts eines Schwärmers ins Schwärmen kommen? Selbst emeritierte Universitätsprofessoren würden da nur mit einer Gegenfrage antworten: Ist der Papst katholisch? Jawohl!

Man darf. Und muss, wenn man das von einer freundlichen Leserin zugesandte Foto eines Totenkopfschwärmers (Acherontia atropos) sieht. Der erwachsene und geflügelte Schmetterling ist mit seiner namensgebenden Zeichnung in Form eines Totenkopfs am „Rücken“, bei dem sogar mit gutem Willen gekreuzten Beinknochen erkennbar sind, quasi der Popstar unter den Insekten.

Der irische Autor Bram Stoker ließ diese Schmetterlingsart im Roman „Dracula“ auftreten und Luis Buñuel zeigte ihn in seinem Film „Ein andalusischer Hund“. Aber erst das Buch und der Film „Das Schweigen der Lämmer“ machten ihn zum weltweit bekanntesten Falter. Dennoch haben die wenigsten Menschen je einen Totenkopfschwärmer wirklich gesehen.

Daher bewunderte ich, dass der Serienmörder im oben genannten Buch offenbar große Erfahrung in der Aufzucht von solchen Raupen besessen haben muss, denn er platziert jeweils eine Puppe im Mund seiner Opfer. Die Raupen vergraben sich vor den Winterfrösten im Boden und brauchen zur Entwicklung spezielle Feuchtigkeits- und Temperaturbedingungen. Als Serienmörder muss man schon etwas können.

Und weil ich schon beim Schwärmen bin: Die Gründer dieser Zeitung waren alle besondere Freunde der Schmetterlingsfauna. Die Hardrock-Fraktion plädierte 1977 bei der Namensfindung für das Printprodukt auf „Totenkopffalter“. Die eher dandyhafte Kulturpartie hingegen verlangte nach mehr Nightlife im Namen und schlug „Wiener Nachtpfauenauge“ vor. Letztendlich einigte man sich – taxonomisch etwas unscharf – auf einen Namen für Ihre Lieblingszeitschrift, die heute so heißt, wie sie ist: der Falter.


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