Die Puppe tanzen lassen

Das Theater t'eig bringt "Pinocchio" auf die Bühne und macht das Kunsthaus Graz zum Haifischbauch

Lexikon | Hermann Götz | aus FALTER 32/15 vom 05.08.2015

Hamlet, Nestroy, Woyzeck, das Grazer Theater t'eig kannte in der Vergangenheit beileibe keine Scheu vor großen Namen oder Stoffen. Doch die Auswahl steht stets in Verbindung mit einem für Regisseur Thomas Sobotka typischen Zugriff auf die Bühnenkunst.

Büchners "Woyzeck" kann hier für das Spiel mit der offenen Form stehen, Shakespeares "Hamlet" für die Fragen, die das Theater im Theater an sich selber stellt, der Komödienkosmos Nestroys für ein Kaleidoskop der Unterhaltungskunst, das es von herkömmlichen Rezeptionsklischees zu lösen galt.

Und nun also hat sich die Truppe "Pinocchio" vorgenommen: die Puppe, die die Homunkulusidee aus Pygmalions Bildhaueratelier in die Marionettenwerkstatt überträgt -und damit frei nach Heinrich von Kleist ins Theatrale. Dazu passt auch die Lüge, die sich als Leitmotiv durch den Stoff zieht. Und all das passt zu t'eig und seinem Fokus auf die entblößten Mechaniken des Theaters.

Am Pinocchio-Soff selbst habe ihn der "assoziative, sehr spielerische, anarchische, aus allen Rohren feuernde, aber trotzdem fabulierende und letztendlich wieder in die Form findende Zugang" angesprochen, so Sobotka. "Auch die Homunkuluspassagen aus Faust II haben mich schon immer interessiert. Und die passen uns hier wunderbar, um damit Fragestellungen zu Biotechnologie und Bioethik einzubringen." Die kunstreiche Verlinkung dieser und anderer Ebenen ergibt dann den Teig, aus dem Sobotka und sein Team sorgsam ihr Theater zurechtkneten.

In der technisch möglichst einfach gehaltenen Inszenierung wird der Space03 des Kunsthaus Graz zum Wal-bzw. Riesenhaibauch, in dem Pinocchio von Carlo Collodi wie der biblische Jona zu sich oder seinem besseren Selbst findet. Als "Spielmaterial" stellt die Ausstattung von Markus Boxler nicht weniger 200 mit Flüssigplastik bestrichene Holzscheite zur Verfügung.

Drei Darsteller (Karin Gschiel, Gerhard Prossliner, Christian Ruck) und die zwei Musiker von Papa Steph and his Brass Band bauen so Bilder rund um die zum Leben erwachte Holzpuppe, deren Weg durch die Welt die anarchische Poesie kindhafter Selbstbehauptung atmet.

Die Dramatisierung des berühmten Ent- und zugleich auch Verwicklungsromans ist allerdings nicht unbedingt als Unterhaltung für Kinder, sondern doch eher als Erzählung über Kinder gedacht und angelegt: "Über die Kinder, die man hat oder sich wünscht, und auch über das verlorene Kind in einem selbst."

Kunsthaus, Graz, Do 20.00 (Premiere)


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