Selbstversuch

Kann man, muss man aber nicht

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 32/15 vom 05.08.2015

Um acht Uhr früh hupt es vorne auf der Straße. Man steigt aus dem Bett, stellt die Espressokanne auf den Herd und geht in Pyjamahosen aus dem Haus und durch das taufeuchte Gras. Die Sonne scheint schon, es ist schon warm. Man überquert die stille Straße, sagt dem Mann, der dort wartet, guten Morgen und kauft ihm dann aus seinem Bäckereilieferwagen ein paar frische Semmerl ab. Man geht durch die feuchte Wiese zurück, man schaut nach den Paradeisern, da schau her, eine wird doch schon rot. Ein Traktor rattert vorbei, dann ist es wieder still. Man geht durch den Regenbogen des leise schwingenden Plastikstreifenvorhangs zurück ins Haus und in die Küche, und der Kaffee ist schon fertig. Am Abend wirft einer den Griller an, und alle anderen kommen vorbei und werfen was darauf, und wir sitzen bei Kerzenlicht im schwindenden Tag und essen und reden und trinken Wein, bis wir müde sind, gute Nacht.

Das ist der Sommer. Das ist das Bild dafür. Besser kann's nicht sein.

Man könnte natürlich nebenbei erwähnen, wie viel Arbeit all das macht. Oder, dass es schon seit sieben Jahren immer morgens auf der Straße hupt und man leider erst vor drei Tagen geschnallt hat, dass das der Bäcker ist und man auch nicht vorbestellen muss. Man kann auch erzählen, dass es nicht nur errötende Paradeiser zu begutachten gibt, sondern auch schneckenzerfressene Salate, von eckigen Käfern zerlöcherten Mangold, eine einzige tapfere Zucchini und ein paar Fisolen, dermaßen vereinzelt, dass man sie aus Mitleid und weil man kein Rezept für genau vier Fisolen hat, lieber nicht erntet. Man könnte berichten, wie sich die eingeborenen Dörfler von ihren Traktoren herunter über uns lustig gemacht haben, während wir brave, vorbildliche Wochenenddörfler sein wollten und auf dem Dorfspielplatz Randsteine einstreberten. ("Da schau, die gescheatn Weaner! Können jo eh hackln!" Sie meinen das aber eh nett. Doch, ich bin ziemlich sicher, dass sie das nett meinen.)

Man könnte erzählen, wie auf jeder Saubirne und jedem Klarapfel, den man nicht unmittelbar aus der Wiese entfernt, sofort 30 Wespen Platz nehmen und darauf lauern, dass ein trotz wiederholter Warnungen ("Chill, Mutter!") bloßfüßiger Teenager hineinsteigt. Wie mannshohe Brennnesseln das Grundstück überwachsen und Spinnweben das Haus. Oder wie man unlängst durch den idyllisch im Sommerwind wehenden Plastikstreifenvorhang wandelte und sich dabei überlegte, wie viele Jahre der hier schon hängt und wie viele Kinder da schon mit schmierigen Händen durch sind und wie viele Katzen, und wie man ihn dann Streifen für Streifen mit antibakteriellem Dings abwischte, und das Bild erinnerte einen daran, wie die Großmutter selig früher die Fransen von ihrem Teppich gekämmt hat. Und man könnte erwähnen, wie die Teenager darüber maulen, dass schon wieder gegrillt wird, immer wird nur gegrillt.

Könnte man. Aber man muss nicht. Es ist Sommer. Besser ist es nie.


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