Selbstversuch

Hey, wie spät ist es überhaupt?

Doris Knecht bleibt unbemerkt

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 33/15 vom 12.08.2015

Jeden Sommerferientag stellt sich die Frage: Wann darf man einen Teenager in den Ferien wecken? Darf man ihn überhaupt wecken? Der Teenager ist selbstverständlich der Meinung: nein. Also, wenn man ihn schließlich doch weckt, nachdem man ihn die halbe Nacht im Haus herumgeistern hat hören, weil er sich nach Mitternacht noch die Haare färben oder sich ein Ohrloch stechen musste, oder jemandem assistierte, der sich nach Mitternacht die Haare färben oder ein Ohrloch stechen musste, und sich dann, weil das hungrig macht, einen kleinen Snack zubereitete, bevor man sich bis zur Dämmerung zum Netflixen und Youtuben versammelte.

Man rüttelt also sanft an dem Teenager. Der Teenager wirft einem durch verklebte Augen einen Mörderblick zu und blafft mit belegter Stimme: Echt, darf man nicht einmal in den Sommerferien ausschlafen?!? Wieso weckst du mich schon? Wie spät ist es überhaupt?

Zwei. Es ist zwei. Zwei Uhr nachmittags.

Ja, okay. Und warum weckst du mich?

Im Prinzip gehört das zu den Dingen, die einen Hausbesitzer plagen: Das meiste, was man von früh bis spät in einem Haus erledigt, bleibt unbemerkt und würde nur bemerkt werden, wenn es nicht erledigt würde. Der ungeweckte Teenager fällt nicht auf, aber irgendwann wird man die Folgen davon ausbaden müssen, wenn sich die Wachzeiten zwischen den Generationen derart verschoben haben werden, dass die Teenager genau dann die Augen aufschlagen, wenn die Erziehungsberechtigte sich zur Nacht legt, sodass man irgendwann und nur noch das Chaos beseitigt, das Teenager, die sich einen Snack zubereiten, halt so hinterlassen: schwitzender Speck, Eierschalen, Tiefkühlpizzakartons, aufgerissene Puddingpackungen, ruiniertes Teflon. Ja, eh lässt man ein Donnerwetter losbrechen, aber es verhallt unbemerkt im Land der Träume.

Bah, ich hatte einen bizarren Traum, ich hab geträumt, du hättest mich voll angebrüllt.

Das liegt daran, dass ich dich voll angebrüllt habe.

Echt, hab ich gar nicht bemerkt. Aber Unbemerktheit ist das Los der Hausbesitzer: Man bindet den wuchernden Wein hoch, reißt einen Hektar mannshohe Brennnesseln aus, senst hohes Gras, holt die Spinnweben herunter, hebt eine Tonne Fallobst auf, repariert den Wasserhahn, montiert ein neues Gartenlicht, pickt einen Eimer Schnecken aus dem Beet, schneidet vier Kubikmeter wucherndes Gebüsch weg und erledigt dazwischen die Erwerbsarbeit, bevor man sich um den Sonnenuntergang herum mit einem Bierchen niederlässt und zufrieden sein Tagwerk betrachtet. Wobei man von einem eben erwachenden Teenager betreten wird, der einem aus verpickten Augen einen tadelnden Blick zuwirft und einen mit belegter Stimme wissen lässt, dass man wirklich auch einmal etwas anderes tun könnte, als immer nur herumzusitzen und zu facebooken und Bier zu trinken. Gut, dass der Horwath auch da ist und dieses Schicksal teilt, zu dem geht man dann.


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