Im Kopf eine Abrissbirne

dramagraz zeigt Sarah Kanes "Gier". Für Regisseur Ernst M. Binder ein Zeichen wider die Wortführer der "Dumpfbacken"

Lexikon | Hermann Götz | aus FALTER 33/15 vom 12.08.2015

Zuletzt hat sich Ernst M. Binder 2009 mit "Zerbombt" an die Inszenierung eines Sarah-Kane-Stückes gewagt. Alle fünf Dramen Kanes fokussieren auf Wunden der Seele, die sich unter ihrem genauen Blick zu Rissen im brüchigen Fundament jeder Gemeinschaft auswachsen. Die Bedingungslosigkeit, mit der sich Sarah Kane dem schmerzverzerrten Blick in psychische Abgründe zuwendet, machte sie zu einer bestimmenden Stimme der 1990er-Jahre - und zur ersten Wahl für Regisseure wie Ernst M. Binder, dessen Ernsthaftigkeit hier auf allen Ebenen gefordert ist. Binder: "Nackt und verzweifelt liefert sich auch der Schauspieler als Person den Blicken der Zuseher aus. Da gibt es kein Sich-hinter-einer-Rolle-Verstecken. Da muss man Farbe bekennen."

In Kanes 1998 uraufgeführtem Drama "Gier", das dramagraz diesmal zeigt, wird jedes traditionelle Rollen-Konzept aufgelöst. Der Textfluss ist auf vier nicht näher definierte Stimmen verteilt. Der Rhythmus der Rede unterstreicht das Anliegen, tiefer zu schürfen und mit sprachmusikalischen Mitteln neue Erkenntnisräume zu öffnen. Wer Ernst M. Binders eigenes Schreiben kennt, weiß um seine Wertschätzung für eine Poesie, deren Schönheit Bedeutung beansprucht: Sinn jenseits der Worte. In Kanes Textwüsten, die der Dialog von Verlassenheit und Sehnsucht bestimmen, ist diese Schönheit das einzige Element, das Erlösung verspricht - und vielleicht zulässt.

"Ich werde es in einem Kopf spielen lassen", sagt Binder über seine Inszenierung des Stücks. "Im Kopf eines Menschen, der verzweifelt ist. Zermantscht von einer Abrissbirne." Seine Arbeit ist für den Regisseur eine Hommage an einen Menschen und seine übergroße Sehnsucht. Die sei "in einer Zeit, in der Schlagersänger-Dumpfbacken unwidersprochen von ,Zuckerpuppen' singen dürfen und unter reger Anteilnahme der österreichischen Medien im Bundeskanzleramt eine Laudatio halten dürfen, eine dringend notwendige Würdigung und Danksagung."

dramagraz, Graz, Mo 20.00 (Premiere)


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige