Enthusiasmuskolumne Diesmal: Die beste getanzte Tanzfestivalkritik der Welt der Woche

Blowjob-Pas-de-deux für Günter Brus

Feuilleton | Christopher Wurmdobler | aus FALTER 33/15 vom 12.08.2015

Das war keine Show, wird Miguel Gutierrez am Ende der Vorstellung sagen. Natürlich hat der New Yorker Tänzer und Autor unrecht. Denn das, was er im Rahmen des Festivals Impulstanz unter dem sperrigen Titel "Fuckmegunterbrusbrusguntermefuck" an vier Abenden in der Aktionismus-Ausstellung des Mumok gezeigt hat, ist selbstverständlich auch eine Show. Da hilft auch nicht die Tatsache, dass das Publikum den Satz "I am Miguel Gutierrez" sagen musste und damit formell keine Zuschauerrolle zugewiesen bekam.

Die Performance des queeren Künstlers war so, wie man sich das als Fan erwartet: selbstreferenziell, witzig, edgy und sexy (ein Blowjob-Pas-desdeux mit dem Techniker!). Vor allem aber war sie eine freche Kritik am Festivalbetrieb im Allgemeinen und an Impulstanz im Speziellen.

Die Wiener Tanzwochen plagen Geldsorgen (siehe Seite 31), weshalb man heuer das Programm ein wenig auf Sparflamme am Köcheln hält. Miguel Gutierrez, stets gern gesehener Gast beim Festival, erzählt in der Show, wie sein Auftritt im Mumok zustande kam. Aus finanziellen Gründen wollte man seine aktuelle Produktion heuer nicht zeigen. Dann gab's das Angebot, für die Aktionismus-Schiene einen Abend zu gestalten. Wochenlang habe er nicht darüber nachgedacht, was er um 1000 Euro in Wien zeigen würde. Aber dann wollte die Kuratorin Titel, Pressetext und Foto. Innerhalb von 15 Minuten schwurbelte Gutierrez eine Inhaltsangabe zusammen für ein Stück, das noch nicht existierte. Er pickte sich Günter Brus als Referenz aus dem Aktionismus-Katalog heraus, benutzte das Schlagwort "queer" und machte ein Selfie mit Stinkefinger. Im Festivalbüro war man begeistert. Im Auditorium ebenfalls.

Im nächstes Jahr dann bitte wieder eine aktuelle Gutierrez-Produktion!


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