SÜDWÄRTS

Der gespaltene Kontinent

Europas Süden ist widerborstig, lebenslustig und denkt neuerdings wieder links. Europas Norden ist diszipliniert, nüchtern und neoliberal. Das sind die gängigen Klischees, die die Griechenlandkrise vertieft hat. Zu Unrecht

Politik | Essay: Robert Misik | aus FALTER 33/15 vom 12.08.2015

Die Hitze steht über der Stadt. Unter mir auf dem Exarchia-Platz in Athen ist die Nacht eine lange Party. Kneipen. Menschentrauben. Haschischschwaden wehen bis zum Balkon hoch. Oben ich - und unter mir in gewisser Weise eine Fantasiewelt, der Sehnsuchtsort: "Der Süden."

Der Süden ist ja nicht nur eine geografische Bestimmung, sondern etwas Imaginäres, mit dem jeder spontan seine Projektionen verbindet: Lebensart, Oleanderblüten, Echtheit, auch eine Form der Widerborstigkeit, ganz abgesehen davon, dass alles ein bisschen schöner ist, wenn die Sonne scheint. Eine gewisse Eleganz. Sonnengegerbte Haut. Schnauzbärte. Und auch eine Prise Rückständigkeit, authentischer Kontrast zu unseren geschrubbten, verordentlichten Städten und Vorstädten. Solche Sehnsüchte sind bis oben hin voll mit Klischees - die Klischees wiederum kommen aber auch nicht ohne eine Prise Wahrheit aus. Neuerdings verbinden wir mit dem Süden freilich auch wieder: Krise. Und ganz neuerdings: Widerstand gegen das


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