Der Sichuan-Effekt

ON, das fünfte: Simon Xie Hong kocht scharf am Flohmarkt

Stadtleben | Lokalkritik: Florian Holzer | aus FALTER 33/15 vom 12.08.2015


Foto: ChinaBar an der Wien / Facebook

Foto: ChinaBar an der Wien / Facebook

Man kann dem Flohmarkt bei der Kettenbrückengasse sicher so einiges vorwerfen. Etwa dass man hier nur entweder wertlosen Grind oder überteuerte Handelsware von Antiquitätenhändlern bekommt – nur ist das überall so. Oder dass es hier nichts Ordentliches zu essen gibt, was in Flohmarktgegenden weltweit allerdings eher nicht die Regel ist. Das Horvath, einziges Lokal unmittelbar beim Flohmarkt, war in seinen Gründertagen gut, wurde im Laufe der Jahre aber halt einfach ein bisserl fad.

Simon Xie Hong, der ein paar hundert Meter entfernt sein kontemporäres Chinarestaurant ON hat und vor zwei Jahren ein paar hundert Meter in die andere Richtung das spektakuläre ON Market eröffnete, griff also wieder zu. Angst vor Kannibalisierung seiner Lokale scheint er nicht haben, auch deshalb, weil sich sowohl Atmosphäre als auch Küchenkonzepte ja doch ziemlich stark unterscheiden.

In der neuen ChinaBar an der Wien ist gestalterisch der absolute Purismus das Thema, nämlich indem das alte Horvath mitsamt Mobiliar fast zur Gänze mit dunkelgrauem Lack überzogen wurde. Ja, sogar die Glückskatze. Was dem durch Stützmauer und Kloabgang immer etwas zerrissenen Raum eine neue Einheitlichkeit gibt, nur eine Wand in einem Winkel wurde knallrot, sonst kommt man sich hier ein bisschen wie in einem düsteren Computerspiel vor.

Jedenfalls ein perfekter Kontrast zum Essen, denn im Gegensatz zum ON (modernisierte Wenzhou-Küche), zur Chinabar in der Burggasse (südchinesisch-spanische Fusion) und zum ON Market (derzeit etwas chaotisch, zukünftig mehr Kanton-Küche) geht’s hier um Sichuan. Eine der vier großen Küchen Chinas, die von den chinesischen Meistern als jene geachtet wird, die feurige Schärfe mit Salzigkeit, Süße und Säure harmonisch kombiniert. Und die von uns Langnasen als ziemlich fett und höllenscharf empfunden wird.

Simon Xie Hong holte sich jedenfalls einen Küchenchef, der lange in der 10-Millionen-Hauptstadt Sichuans, Chengdu, kochte, und arbeitete eineinhalb Monate mit ihm, um die Gerichte weniger ölig und auch ein kleines bisschen dezenter hinzukriegen. Was übrigens wahnsinnig gut gelang. Die „Wasser im Mund zusammenlaufende Maishähnchenkeule“, entbeint, gefüllt, in Scheiben geschnitten und in einer Sauce aus purem, rotem Geschmack zum Beispiel (€ 7,30) – ultimativ! Oder der sauer-scharfe Seetang mit Koriander (€ 4,90), Himmel! Oder die Hühnerleber aus dem Salz-Gewürz-Sud, pures Umami (€ 7,40), oder die „Verzwickte Ehe“ – Kutteln und dünn geschnittener Wadschunken –, knackig und würzig scharf (€ 7,80), oder Shui-Zhu-Heilbutt, wirklich arg gut, aber – äh – man spürt ihn halt auch am nächsten Tag noch (€ 9,60). Und Froschschenkel, Blutpudding, Entenzungen, lauter tolle Sachen. Man kann beim Flohmarkt jetzt jedenfalls sehr, sehr gut essen.

Resümee:

Das neueste Lokal des Multigastronomen Xie Hong – gestalterisch in völliger Schlichtheit, geschmacklich ein buchstäbliches Feuerwerk.

ChinaBar an der Wien 5., Hamburgerstr. 2, Tel. 01/585 73 00,
So–Fr 11.30–24, Sa 8–24 Uhr, www.chinabaranderwien.at


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