Visionär und Retter des Hip-Hop

Meisterrapper Kendrick Lamar kommt zum Frequency Festival nach St. Pölten

Lexikon | PORTRÄT: SEBASTIAN FASTHUBER | aus FALTER 34/15 vom 19.08.2015


Foto: Skalar

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Gerade ist mit Dr. Dres Comeback und Schwanengesang „Compton“ das überraschendste Hip-Hop-Album 2015 erschienen. Das beste Hip-Hop-Album des Jahres wurde indes schon im März veröffentlicht, es trägt den Titel „To Pimp a Butterfly“. Was die beiden Platten eint, ist die Präsenz des 28-jährigen Kendrick Lamar: Während er auf „To Pimp a Butterfly“, seinem eigenen Werk, die Hauptrolle spielt, agiert er auf dem Album seines Mentors Dr. Dre als luxuriöser Aufputz aus der Hip-Hop-Gegenwart und veredelt drei Stücke mit seiner unnachahmlichen Stimme.

Wie dieser stammt Kendrick Lamar aus Los Angeles, genauer gesagt aus dem Stadtteil Compton. Im Alter von acht Jahren durfte er miterleben, wie Dr. Dre und Tupac Shakur den Videoclip zu ihrem Hit „California Love“ drehten. Danach war der Berufwunsch relativ klar. Bevor er in ihre Fußstapfen trat, bewies Kendrick seinen Ehrgeiz jedoch noch auf einem anderen Feld: Untypisch für einen Musiker war er in der Highschool ein braver Einserschüler.

Seine ersten Schritte machte er in den Nullerjahren noch unter dem Pseudonym K-Dot mit einigen Mixtapes. 2011 veröffentlichte er sein erstes Album „Section.80“. Obwohl es ausschließlich im Internet erschien, wurde es zu einem der erfolgreichsten Hip-Hop-Alben des Jahres – und Kendrick Lamar bald als Retter des zu der Zeit eher maroden Genres bezeichnet. Diesen Lorbeeren wurde er spätestens mit seinem Majorlabel-Debüt „Good Kid, M.A.A.D City“ (2012) gerecht.

Hier zeigte er, dass er ein Künstler mit einer Vision und ein Rapper mit unnachahmlichem Flow und raren stimmlichen Fähigkeiten ist. Kendrick Lamar ist aber auch ein gefinkelter Geschichtenerzähler. Auf „Good Kid, M.A.A.D City“ rekapituliert er seine Entwicklung – vom gelangweilten Buben, der nichts mit sich anzufangen weiß, zum Rapper am Sprung zur Berühmtheit. Nicht zuletzt ist das Album auch eine Familiengeschichte, Mutter und Vater Lamar sind immer wieder via Mobilboxaufnahmen präsent. Letzterer, vor der Übersiedlung nach L.A. ein Gangmitglied in Chicago, hält weise fest: „Any nigga can kill a man. That don’t make you a real nigga. Real is responsibility.“

Sein aktuelles Album „To Pimp a Butterfly“ veröffentlichte Kendrick Lamar im März 2015. Gleich am ersten Tag stellte die Platte in den USA einen Verkaufsrekord auf. Was umso bemerkenswerter ist, als das 79-Minuten-Werk musikalisch die krasse Antithese zum gut verkäuflichen Mainstream-Hip-Hop ist. Es klingt chaotisch, überladen und steht nur teils im Zeichen geiler Beats. Die Jazz- und Funkanteile sind mindestens genauso stark, für die Sessions holte der Rapper Jazz- und Neo-Soul-Kapazunder wie Keyboarder Robert Glasper oder Bassist Thundercat.

Nicht nur musikalisch ist das Album überreich an Details, die sich nach mehreren Hördurchgängen immer mehr entfalten. Inhaltlich wagt der kämpferische Poet eine Komplexität, wie man sie im Rap selten findet. Das Album setzt an, wo „good kid, m.A.A.d. city“ aufgehört hat, und erzählt von Zorn, Angst und Depressionen eines Rappers, der es geschafft hat, das aber nicht genießen kann. Er sieht seine Leute – mit denen er sich nach wie vor identifiziert, zu denen er aber nicht mehr wirklich gehört – auf den Straßen sinnlose Tode sterben. Und er fragt sich, was er tun kann.

„To Pimp a Butterfly“ stellt mehr Fragen, als es Antworten auf die enorm schwierige aktuelle Lage der Afroamerikaner hat. Die Stücke suchen sehr düstere Orte auf, erst gegen Ende des Albums kommt in Gestalt der bereits im Vorjahr veröffentlichten Single „i“ und dem Satz „I love myself“ eine kleine Auflösung. Das große Finale der beeindruckenden, an Informationen überreichen Platte ist ein überlanges Spoken-Word-Stück, für das sich Kendrick Lamar in ein altes Interview mit Tupac Shakur hineinmontiert hat. Im fiktiven Gespräch mit seinem Idol formuliert er eine Hoffnung: „In my opinion, only hope that we kinda have left is music and vibrations – lot of people don’t understand how important it is.“

Am Samstag wird der gute Mann um 21 Uhr auf dem Frequency Festival auftreten, zwischen dem netten deutschen Techno-Soulmann Fritz Kalkbrenner und den unvermeidlichen Headlinern Linkin Park. Die Bühne, auf der er sein Set spielen wird, heißt Space Stage. Das passt, denn qualitativ ist seine Musik von dem, was die anderen Künstler an dem Tag bieten, Lichtjahre entfernt.

Hip-Hop wurde immer wieder für tot erklärt. Doch durch Kendrick Lamar und andere junge Künstler wie Vince Staples klingt er momentan wieder so lebendig wie seit den 1990ern nicht mehr. Für Rap-Fans ist das Österreich-Debüt des Rappers ein Pflichttermin. Aber man muss Hip-Hop nicht einmal besonders mögen, um Kendrick Lamar toll finden zu können. Er selbst kann mit Genres sowieso nichts anfangen: „Man kann meine Musik nicht wirklich einordnen. Es ist einfach menschliche Musik.“

VAZ St. Pölten, 20. bis 22.8., ab 13.00


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